Walter Buzengeiger (1910-1997)

Dr. Walter Buzengeiger wurde am 27. Januar 1910 in Heidelberg geboren. Nach dem Abitur im Frühjahr 1928 nahm er in Köln und München das Studium der Volkswirtschaft auf, das er am 31. Juli 1931 mit dem Diplom für Volkswirte abschloss. In Köln fand Walter Buzengeiger Anschluss an eine sozialistische Studentengruppe. In München beteiligte er sich an den Aktivitäten einer linken Gruppierung und trat der KPD bei. Auf das Studium folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit und politischen Engagements, bei dem Walter Buzengeiger Senta Leutner kennenlernte. Sie heirateten am 29. März 1932. Ab Sommer 1932 arbeitete Walter Buzengeiger als Vertriebsleiter der "Arbeiter-lllustrierten-Zeitung" für Nordbayern und zog nach Stein bei Nürnberg um.

Auf Grund einer Denunziation wurde Buzengeiger am 1. Februar 1933 in Nürnberg verhaftet. Er wurde in einem Verfahren vom Vorwurf der illegalen Betätigung vor dem Bayerischen Obersten Landesgericht freigesprochen. Seine Ehefrau kam für drei Jahre in Schutzhaft.
Walter Buzengeiger wurde trotz des Freispruchs nicht entlassen, sondern von der Bayerischen Politischen Polizei in Schutzhaft genommen und in das KZ Dachau eingewiesen.
Er gehörte dort zum Kreis um Willi Franz und Dr. Delwin Katz. Wie diese wurde er verdächtigt, Außenkontakte zu unterhalten, und deshalb in den Bunker gebracht. Von Februar bis Oktober 1934 war er im Bunker in Dunkelhaft und wurde mehrmals misshandelt.
Obwohl sich seine Mutter seit seiner Inhaftierung in Briefen an den NSDAP-Gauleiter Wagner, an Reichsstatthalter Epp und an den Reichsführer-SS Himmler sich für die Freilassung ihres Sohnes einsetzte, wurde Walter Buzengeiger lange nicht entlassen. Eine Rolle spielte dabei auch, dass er sich weigerte sich von seiner ebenfalls inhaftierten Ehefrau scheiden zu lassen.
Erst am 8. Oktober 1936 kam Buzengeiger frei.

Er wohnte zunächst bei seiner Mutter in Grötzingen, dann in Durlach, wo ihm die NSDAP-Kreisleitung nach einer Periode der Arbeitslosigkeit eine Beschäftigung bei der Nähmaschinenfabrik Gritzner-Kayser vermittelte. Weihnachten 1936 zog Senta Buzengeiger, die fast drei Jahre Haft im Frauengefängnis in Aichach bei Augsburg verbüßt hatte, zu ihrem Mann. Am 28. Januar 1938 wurde ihre Tochter Toni geboren.
Im Mai 1939 wurde Buzengeiger zum Wehrdienst eingezogen. Er leistete Kriegsdienst als Soldat, zuletzt in einer Sanitätsabteilung.
Im Herbst 1945 wurde Walter Buzengeiger Leiter des Liegenschaftsamts der Stadt Ulm. Später holte er seine Promotion nach. 1950 verließ er die kommunistische Partei und schrieb als freier Mitarbeiter für die "Schwäbische Donau Zeitung". Walter Buzengeiger starb am 10. August 1997.

Quelle: Häftlingsbiographien in der PC-Station

 

Walter Buzengeiger, 1934

Auszüge aus einem maschinenschriftlichen Bericht des deutschen Schutzhäftlings Walter Buzengeiger vom April 1945.

Walter Buzengeiger war wegen seiner politischen Aktivitäten im Februar 1933 verhaftet worden. Trotz eines Freispruchs vom Bayerischen Obersten Landesgericht brachte ihn die Bayerische Politische Polizei in das KZ Dachau. Da die SS ihn verdächtigte, Nachrichten über das KZ nach außen zu schmuggeln, kam er vom Februar bis zum Oktober 1934 in den Bunker.

Die Zelle

Als die schwere Eisentür mit dem Spion hinter mir zuschlug, empfand ich zunächst Erleichterung, ja sogar einige Neugier. Und wieder etwas Lebenshoffnung, nachdem die erwartete Exekution Stunde um Stunde ausblieb.
Ich inspizierte meine Zelle: Sie war 3 1/2 Meter lang und 2 Meter breit. Die Wände aus Eisenbeton. Der Rost der Armierungsstäbe zeichnete ein deutliches Gittermuster, da alles frisch verstärkt und noch feucht war.
Die Zelle war dunkel. Es gab darin kein Fenster, sondern nur ein Mauerloch über der Tür von 30 mal 30 Zentimetern, welches auf den Gang hinausging. Niemals konnte ein Strahl direkten Lichts oder gar Sonne hineindringen. Nur in den Mittagsstunden war eine leichte Dämmerung in der Zelle, in der man zur Not das Zeitungs-Klopapier mühsam entziffern konnte.
Die Einrichtung bestand aus einer hölzernen Pritsche mit zwei alten Decken und dem Kübel, dazu ein Wasserkrug und ein Essnapf aus Emailleblech. Das war alles. Sonst nichts! Kein Stuhl. Kein Tisch.

Die Kette
Nach zwei Wochen hatte ich mir in der ewigen Dämmerung meiner Zelle das Leben ein wenig eingerichtet mit täglichem Spaziergang:) - drei Schritte hin, drei Schritte her - mit einer halben Stunde Gymnastik am Morgen und Abend und mit viel Schlaf, um möglichst lange bei Kräften zu bleiben.
Den abendlichen Tee des sog. "guten" Tages hob ich mir jeweils für den ersten der drei Hungertage auf. Gegen Mittag konnte ich mich dann in der metallischen Haut, die er gezogen hatte, spiegeln. So verfolgte ich meinen Bartwuchs, der im gleichen Tempo mit dem nach Sträflingsart kurzgeschorenen Haupthaar auf einem anfangs weißen, später gelben und schließlich grünlichen Gesicht wucherte.
Eines Tages wurde die Zellentür zu ungewohnter Zeit aufgeschlossen und eine schwere Eisenkette von 1 1/2 Meter Länge flog mir klirrend vor die Füße. Sie wurde in der Mitte des Zellenbodens tief einzementiert, das andere Ende durch eine schwere Schelle und ein starkes Hängeschloß an meinem linken Fuß über dem Knöchel befestigt. Fassungslos gegenüber dieser mittelalterlichen Erniedrigung eines Menschen, empfand ich sogar eine gewisse Neugier, was man an der Kette fühlen und tun würde: Man kann mit ihr leben! Sie blieb von nun an Tag und Nacht über endlose sieben Monate mein rasselnder Begleiter. Zu Tieren an der Kette degradiert, machten wir Häftlinge eine makabre Musik, wenn irgend eine Aufregung den Bau durchlief. Mehr noch wie der Hunger riss die Kette an unseren Nerven. Mit dem ersten Zuschnappen des Schlosses erschien mir mein Schicksal abermals endgültig besiegelt. Tiefe Verlassenheit befiel mich.
Doch lernte ich später die raffiniertesten Techniken, lautlos mit ihr umzugehen. Ich habe sogar meine Zellenwanderung wieder aufgenommen, ohne dass auch nur das Klirren zu hören war.

"Der braucht keinen Blechnapf mehr!"
Eines Morgens im Februar 1934, gleich nach dem Wecken, betraten zwei SS-Männer - in den Händen ihre entsicherten Pistolen - unsere Baracke und riefen meinen Namen. "Hände hoch! Und rühr dich nicht mehr, oder wir knallen dich über den Haufen!" Mein Strohsack wurde vergeblich durchwühlt. Auf den Befehl: "Mitkommen!" fragte mein Korporal: "Soll er nicht Schuhe anziehen?" und bekam zur Antwort: "Der braucht keine Schuhe mehr!" "Essgeschirr?" "Der braucht keinen Blechnapf mehr!"
Unfähig irgendwelcher Empfindungen umfing ich meine Freunde mit einem letzten Blick, nahm ohne Pathos vom Leben Abschied und ging meinen Henkern voran, die mich in den Bunker abführten. Ich galt als toter Mann, der irgendwo in einer dunklen Ecke und ohne Zeugen einfach sterben würde. Vor einem Erschießungskommando Haltung zu bewahren ist nicht so schwer. Aber aufrecht zu bleiben in der sicheren Erwartung, von irgend einem brutalen Rohling nach seiner Laune und in Einsamkeit ausgelöscht zu werden, fordert das Äußerste von dir. ...

Der Strick
So schlimm auch der 30. Juni gewesen war, ich fasste neuen Mut: Wer diese Nacht überlebt hat, durfte an sein Glück glauben. Dieser leise Glaube wappnete mich auch gegen die nächste, besonders gemeine Teufelei, die bald darauf von Blank gestartet wurde.
Selbstverständlich hatte ich in der ganzen Bunkerzeit Post weder erhalten noch schreiben dürfen. So konnte ich mir unschwer die Sorgen meiner Frau ausmalen, welche zu gleicher Zeit im Frauengefängnis in Aichach in Schutzhaft war und über Dachau ungefähr Bescheid wissen musste.
Seit einiger Zeit gehörte zum täglichen Brot die Aufforderung, sich aufzuhängen mit dem konkreten Hinweis womit und wohin, denn heraus komme ich ja doch nie mehr. Eines Morgens sagte nun Wärter Blank zu mir: "Deine Frau hat sich aufgehängt, die war klüger als du! Worauf wartest du eigentlich noch?" Ich gab keine Antwort, überlegte nur blitzschnell: "Infame Zwecklüge, um mich soweit zu bringen." Ich stellte mich, als ob ich ihm glaubte, und ließ den Kopf hängen. Kaum war er weg aus der Zelle und weg vom Spion, da riss ich mich hoch mit der Überlegung: "Wenn dich deine Peiniger mit solchen Mitteln zum Selbstmord treiben wollen, so beweist das nur, dass sie dich zwar gern tot sehen möchten, dich aber aus irgend einem Grund nicht mehr einfach totschlagen dürfen. Von jetzt an geht es also nur noch um die besseren Nerven. Wer durchhält kann noch gewinnen.
Die Wärter schauten in den nächsten Tagen noch alle Stunde durch den Spion in meine Zelle, um den Erfolg ihrer Niedertracht zu ernten. Ich tat jedesmal so, als ob ich mir's überlegte, um sie nicht zum Nachhelfen zu reizen. Schließlich nach einiger Zeit wurde ihnen das Spiel langweilig und ich fiel für weitere vier Monate in die Stille meiner Zelle zurück.

aus: KZ Dachau - ein Bericht von Schutzhäftling Nr. 309, Walter Buzengeiger, S. 27ff.

Den vollständigen Bericht Buzengeigers finden Sie hier.

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