Erwin Gostner

Auszüge aus einem Bericht des österreichischen Schutzhäftlings Erwin Gostner.

Der Kriminalbeamte Gostner aus Innsbruck wurde nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 verhaftet und von der SS nach Dachau gebracht. Vom 9. Juni bis zum 28. Oktober 1938 war er im Bunker eingesperrt.

Über hundert Tage Dunkelhaft

Ich komme in den Bunker! Nur ein Dachauer weiß, was das bedeutet. Ein SS-Scharführer, der wegen seiner Grausamkeit berüchtigte Blockführer Seitz, und sein Helfershelfer Bernhardt, ein Hamburger Raubmörder und Berufsverbrecher, nehmen uns in Empfang. Letzterer steht auf dem Gang, als ich in meine Zelle geführt werde. Auch er trägt die Häftlingsuniform, aber ohne Nummer. Er genießt wegen seiner Brutalität bei den SS-Leuten eine Sonderstellung. Sie können ihn gut brauchen, denn er nimmt ihnen die schmutzigste Arbeit ab. Von diesem Menschen spricht das ganze Lager. Als ich ihn sehe, bin ich schon über ihn im Bilde. Seine rotgeränderten Augen starren mich ausdruckslos durch stumpfe Brillengläser an. Die platte Nase ist mit der Oberlippe leicht gehoben, wie bei einem Tier, das Witterung nimmt. Er gleicht dabei seinen beiden Bluthunden, die ihn stets begleiten. Diese Bestien sind auf uns Häftlinge besonders dressiert; bei einem Angriff verbeißen sie sich in die Geschlechtsteile. Als ich an ihnen vorbeigehe, schnuppern sie an meinen Stiefeln.

Meine neue Zelle ist groß und sauber. Sie enthält ein einfaches Bettgestell, eine Wasserleitung mit Waschbecken, ein Spülklosett und Zentralheizung. Die Wände sind blendend weiss, der Boden aus Parkett, die Türe aus glattem Sperrholz. Durch ein schmales Oberlicht dringt matter Tagesschein herein. Das Fenster ist überstrichen! Die äußerlich korrekte Aufmachung unseres Gefängnisses beeindruckt mich jedoch nicht mehr. Ich weiß, dass es sich hierbei nur um ein "Potemkinsches Dorf" handelt, um ein Täuschungsmanöver, das den dann und wann zur Besichtigung kommenden ausländischen Pressevertretern Sand in die Augen streuen soll, wenn das Ausland wegen der grausamen Behandlung der Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern Alarm schlägt.

Ich ahne, dass ich in den nächsten Tagen Schweres durchzumachen habe, und bin so aufgeregt, dass ich zunächst nichts essen kann. Am zweiten Tag wird nichts mehr angeboten, kein Kaffee, kein Brot, keine Suppe, nichts! Auch am dritten Tag bekomme ich nichts zum Essen. Das Spülklosett wirkt jetzt wie ein blutiger Hohn. Um mich von dem nagenden Hunger abzulenken, kratze ich in den Überstrich meines Fensters ein stecknadelgroßes Loch. Ich benutze dazu meinen Daumennagel und bringe das Auge nahe an die Öffnung. Die Sonne blendet mich so stark, dass ich nicht hinaussehen kann. Resigniert setze ich mich wieder auf mein Bett. Ein feiner, heller Sonnenpunkt kringelt nun auf dem Boden. Es ist wohltuend, ihn anzuschauen. Da wird die Türe aufgerissen. Seitz und Bernhardt sind auf Filzschuhen herangeschlichen und haben durch den "Spion", ein Guckloch an der Zellentür, den Sonnenstrahl bemerkt. Seitz sieht sofort das Abgekratzte am Fenster und schlägt mir mit der Faust ins Gesicht. Ich blute aus Mund und Nase und muss auf den Gang hinaus. Hier treffe ich vier andere Häftlinge, unter ihnen Corazza. Auch sie sind "aufgefallen". Seitz übergibt uns Bernhardt, und dieser läßt uns in Hockstellung gehen. Wir müssen die Arme ausstrecken und bekommen eine Decke mit einem Löffel daraufgelegt. So müssen wir drei Stunden ausharren! Mit Aufbietung letzter Willenskraft stehe ich diese unglaubliche Strafe durch. Neben mir hockt Corazza, er hält sich ebenfalls gut, aber nach zwei Stunden kann er kaum mehr, sein Gesicht ist verzerrt, er stöhnt und wankt, greift, Halt suchend, nach der Wand. Da fällt der Löffel klirrend herunter. Mit einem Satz ist Bernhardt bei Corazza und schlägt ihn zu Boden. Auf Finger- und Zehenspitzen muss er den langen Gang hinauf- und hinunterkriechen. In seinen Augen flackert verzweifelte Wut, aber die beiden Bluthunde halten ihn in Schach. Einmal berührt er vor Überanstrengung mit dem Leib den Boden, da hagelt es Fußtritte.

Am vierten Tag öffnet sich endlich das Klapptürchen am Zelleneingang. Ich bekomme in der Frühe schwarzen Kaffee, mittags einen süßen Sagobrei und abends Salzhering mit drei Kartoffeln. Außerdem für die nächsten vier Tage einen Wecken Brot. Gierig greife ich zu. Das ist mein Glück. Ein anderer Häftling, der sich dabei Zeit nimmt, hat das Nachsehen. Mit den Worten: "Was, du Schwein läßt dir noch Zeit?", reißt ihm Bernhardt das Essen wieder fort. Der unglückliche Häftling muss weitere vier Tage ohne Nahrung bleiben ...

Trotz dieser schlechten Erfahrung mache ich mir weiter an dem Oberlicht zu schaffen. Ich versuche, die Schrauben zu lockern, die es festhalten. Es gelingt; nun kann ich mit meinen Zellennachbarn sprechen. Links von mir befindet sich der Feldkirchner Kotbauer, rechts von mir Corazza. Sie haben ebenfalls an ihren Fenstern die Schrauben gelockert. Wir verabreden uns nur in der Mittagszeit, wenn wir verhältnismäßig sicher sind, zu verständigen.

Aber so heimlich wir diese List auch anwenden, unsere Wächter kommen uns auf die Spur. Als ich gerade mit Corazza spreche, reißt Seitz hinter mir die Türe auf und schlägt wutentbrannt mit einer Peitsche auf mich ein, bis ich zusammenbreche. Mit fünfzehn meiner Zellengenossen muss ich auf dem Gang antreten. Dann gehen wir wieder in die Kniebeuge. Nach Stunden werden wir taumelnd in Zellen gejagt, die zur Dunkelhaft hergerichtet sind. Wir haben keine Decken und Essnäpfe mehr. Ich muss die Kleider ausziehen und mich mit dem Gesicht zur Wand stellen. Jemand ruft von draußen herein, dass ich auf jeden Fall an der Wand stehen muss, wenn das Licht angedreht wird und die Türe aufgeht, sonst ... Was ist sonst? Ein Zittern überfällt mich. Wollen sie mich jetzt abknallen? Ich muss ja ein prächtiges Ziel in dieser erleuchteten Dunkelkammer bieten! Ich höre das Knacken der Lichtschalter in den Nachbarzellen und lausche fieberhaft auf weitere Geräusche. Nichts, nur ein Schleichen, wie von nackten Sohlen. Jetzt nähern sich Stiefelschritte. Ich stelle mich mit dem Gesicht zur Wand, mein Herz hämmert, ich spüre es bis zum Hals herauf. Sind das meine letzten Minuten? Plötzlich stehe ich in blendender Helle. Hinter mir ist jemand, ich spüre Blicke in meinem Nacken. Jetzt muss es knallen! Ich vergesse zu atmen, denke an meine Mutter, an die Heimat. Ruhig, ich will ruhig sterben! Aber das Grauen siegt, es quillt mir in die Kehle, und ich öffne den Mund zu einem Schrei, der mich von dieser Todesangst befreien soll, da - verlöscht das Licht. Ich bin wieder allein und sinke schluchzend auf mein Lager. Ich lebe!

Wenn nur das Grauen nicht wäre, das nachts aus den dunklen Ecken meiner Zelle auf mich zukriecht, als wolle es mich würgen. Besonders schlimm ist es nach den Abenden, an denen ich die Auspeitschungen anhören muss, welche draußen vor meiner Zelle stattfinden. Dann stehe ich lauschend im Dunkeln und zähle das Klatschen der Peitschen auf den Körpern der Unglücklichen. Oft sind es über fünfzig Hiebe. Ich presse die Fäuste in die Augenhöhlen und schaudere. Schlimm sind auch die Nächte, in denen Seitz Dienst hat. Er ist meist betrunken und bricht dann in die Zellen der von ihm besonders gehassten Häftlinge ein. Er peitscht und schleift die Wehrlosen durch den langen Gang. Ihr Stöhnen verfolgt mich bis zum Morgen. Einmal höre ich im Bunker ein Geräusch wie von einem umfallenden Holzgestell und darauf entsetzliche Schreie. Das war, wie ich später erfahren habe, meine erste Bekanntschaft mit dem "Baum", den ich auch noch gründlich kennenlernen sollte. Am 23. Oktober, nach über einhundert Tagen, darf ich den dunklen Raum verlassen. Der Lange überbringt mir die Freudenbotschaft und führt mich in eine normale Zelle mit Licht und Decken! Er bringt mir auch etwas Warmes zu essen. "Jetzt hast du es wenigstens überstanden!", knurrt er. Durch das Oberlicht dringt matter Tagesschein herein. Ich habe es seit dem 1. Juli nicht mehr geschaut.

aus: Erwin Gostner, 1000 Tage im KZ. Dachau-Mauthausen-Gusen. Erstausgabe Innsbruck 1947.
Zit. nach der Ausgabe von 1986. S.30ff.

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