Die Entstehung des Dachauliedes
Über die Entstehung und Wirkung des Dachauliedes erzählt Jura Soyfers Mithäftling Max Hoffenberg:
Zitiert nach: http://www.literaturepochen.at/exil/lecturepage5004_0.html
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| Herbert Zipper berichtete im Jahre 1988 der Österreichischen Musikzeitschrift, wie das Lied tatsächlich entstand: „Im August 1938 im Konzentrationslager Dachau: Jura Soyfer und ich mußten eine ganze Woche lang einen Lastwagen mit Zementsäcken beladen, die außerhalb des Lagers gestapelt waren. Anschließend mußten wir diesen Wagen ins Lager ziehen und wieder entladen. Deshalb sind wir täglich bis zu dreißigmal durch das Eingangstor des Lagers durchgegangen. Eines Tages - es war, glaube ich, der dritte oder vierte Tag - sagte ich zu Jury, der an derselben Stange wie ich gezogen hat: 'Weißt Du, diese Aufschrift über dem Tor -Arbeit macht frei - ist wirklich ein Hohn. Wir müssen unbedingt ein Widerstandslied machen, unseren Mitgefangenen ein bißchen Mut geben.' Und Jura antwortete: ,Ja, ich glaube, ich habe sogar schon daran gearbeitet.'" „Es war etwa drei Tage später - wir mußten dann in einer
Kiesgrube arbeiten, wo wir bis zum Bauch im Wasser gestanden sind -, als
Jura zu mir kam und sagte, daß er schon fertig sei und mir den Text
vortrug, denn aufschreiben konnte man ihn natürlich nicht. Wenn man einen
solchen Text gefunden hätte, dann wäre das eine Todesursache gewesen oder
man wäre wirklich sehr, sehr unangenehm behandelt worden. Und so habe ich
den Text eben auswendig gelernt." Das Dachau-Lied ist ein Marschlied, in dem sich die
Häftlinge selbst Mut zusprechen. „Es muß so sein, daß die ersten drei
Strophen nur die Umgebung, die Tatsachen, die Gefühle beschreiben, ohne
wirklich die Foltern aufzuzählen -, daß geschlagen oder aufgehängt wird.
Das wollten wir beide nicht. Herbert Zipper erinnert sich auch noch, wie zwei Gitarristen und ein Geiger das Lied im KZ erlernten, und wie es verbreitet wurde. „Ich weiß noch, daß ich es ein paar Tage mit mir herumgetragen und mir gedacht habe, was ich machen soll, und dann ist mir ein sehr guter Geiger, der der Kapo war, eingefallen, der sich sofort bereit erklärte, das Lied zu erlernen. Jura hat den einen Gitarristen gekannt, und ich habe mit dem anderen gearbeitet. An einem Abend habe ich es mit dem Geiger einstudiert. Wir hatten ungefähr eineinhalb Stunden Zeit, bevor die Sirene ertönte Danach durfte man ja nicht mehr auf sein, sonst wurde man sofort erschossen. Da habe ich ihm das Lied beigebracht, am nächsten Tag wiederholten wir es, und da haben sie es alle drei schon gesungen ... Ein Schlaglicht auf die Verhältnisse im Dachauer Konzentrationslager werfen auch Herbert Zippers Erinnerungen an die sogenannten Sonntagskonzerte im KZ: „Konzerte ist ein übertriebener Ausdruck. Wir hatten keine wirklichen Instrumente, sondern von den Gefangenen selbst gebaute Gitarren und Streichinstrumente. Wir spielten jeden Sonntag für einige Hundert Gefangene ein 10 bis 15 Minuten langes Programm mit allen Arten von Musik, die ich während der Woche geschrieben hatte Andere Gefangene haben wahrend der Woche unbedruckte Reste von Zeitungspapier gesammelt, diese Reste zusammengeklebt und liniert, so daß ich Musik schreiben konnte. Natürlich habe ich keine Partituren geschrieben, sondern Stimmen, die wir am Nachmittag eine Stunde probierten. So hatten wir jeden Sonntag nachmittags ein Programm fertig. Das war natürlich nicht immer eigene Musik, viele Gefangene wollten etwa die Habanera aus 'Carmen' hören und andere Musik, die das Allgemeingut der Menschheit war. Ich glaube, daß es diese Sonntagnachmittage waren, die vielen, vielen Gefangenen die nächste Woche ermöglicht haben, so daß sie keinen Selbstmord begingen, denn Selbstmord war zu jener Zeit gang und gäbe." Zitiert nach: Süddeutsche Zeitung ('Dachauer Neueste'),
04.01.1989, Seite II Paul Cummins, der Biograph von Herbert Zipper, beschreibt die Verbreitung des Dachauliedes in folgender Weise: "Somehow the Dachau Lied made its way out of Dachau to other prison camps - to France and Holland, even to England and Mexico. The song survived the war throught the oral tradition and was published in East Germany in an anthology of antifascist songs of concentration camps. In 1953 Zipper received a letter from the East German Ministry of Culture asking if he was the H. Zipper who wrote the 'Arbeit Macht Frei' song. In the meantime the collected works of Jura Soyfer were published with the song included. It is clear, as so many other writers have noted, that works of art once created often have a life of their own. 'Dachau Lied' was one such creation." Paul Cummins, Dachau Song. The Twentieth Century Odyssey of Herbert Zipper, New York, Berlin, Bern, Frankfurt/Main, Paris, Wien 1992, p. 89ff.
Zipper wurde im Februar 1939 aus dem KZ
Buchenwald entlassen. Soyfer starb im Februar 1939 im KZ Buchenwald an
Typhus.
Weitere Informationen zur Rolle der Musik im Konzentrationslager finden Sie hier:
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