Peter Abtmeier
Der Bunker
Führungshilfe für Lehrer
Die Führungshilfe basiert so weit wie möglich auf den in der
Ausstellung im "Bunker" verwendeten (durchnummerierten) Texten und stellt
so auch einen Ersatz für den bisher nicht vorhandenen Ausstellungskatalog
dar. Nur wenn die Exponate keine ausreichenden Informationen vermitteln,
wurden zusätzliche Quellen herangezogen.
"Schülerinformationen" sind zur - eventuell verknappten - Weitergabe an
die Teilnehmer der Führung gedacht. Bei vielen Texttafeln genügt auch ein
Hinweis.
"Verweise" dienen zum einen als Hintergrundinformation für den Lehrer und
zum anderen als Anregung zu einer mögliche Vertiefung des Gehörten oder
Gelesenen durch interessierte Schüler bei der selbständigen Erforschung
des Kommandanturarrestes.
Arbeitsblätter, die es Schülern ermöglichen sollen, den Bunker auch
alleine zu erschließen, finden Sie hier.
Hintergrundinformationen für den Lehrer
3001 (Eingangsflur)
Grundriss des Bunkers von 1938 [hier in etwas anderer Form]

Wenn Sie mit der Maus über die Skizze fahren (Nicht
klicken!),
erhalten Sie zusätzliche Informationen über einige Räume.
3038 (Leseraum)
Die Arrestgebäude des KZ Dachau (Bunker) Im Konzentrationslager Dachau
gab es seit April 1933 eine eigene Arrestabteilung. Sie umfasste nur fünf
Zellen.
Von Anfang an war dies ein Ort des Schreckens, an dem die Häftlinge von
der SS in besonderer Weise misshandelt wurden.
Auch die ersten Morde im KZ Dachau geschahen hier.
Ab Januar 1934 wurde ein neues Arrestgebäude mit 22 Zellen benutzt. Die
Häftlinge bezeichneten die zum Lagergefängnis umgebauten Toilettenanlagen
der ehemaligen Munitionsfabrik wegen ihres Aussehens als "Bunker". In
seinem abgeschlossenen Innenhof wurden von der SS Strafen wie das
"Pfahlhängen" ausgeführt. [siehe Luftbild im Leseraum]
Mit dem Bau des neuen Lagers wurde 1937/38 der heute noch stehende
"Kommandantur-Arrest" errichtet. Der alte Bunker wurde abgerissen.
Im Unterschied zu seinen beiden Vorläufern handelte es sich um einen
modernen Gefängnisbau mit 137 Zellen. Trotz der modernen Einrichtung blieb
der Bunker für die Gefangenen ein Ort des Schreckens, der Leiden und des
Sterbens.
Das Gebäude wurde nach der Befreiung von der US-Militärregierung zur
Internierung von NS-Tätern und später als Militärgefängnis genutzt.
In dieser Zeit wurden die Gitterfenster in den Zellentüren eingebaut.
Der Bunker zeigt sich im Grundriss seiner Errichtung. Zellentüren, Fenster
und Gitter sind kaum verändert. Bei der Restaurierung 1999 wurden im Flur
und in einzelnen Zellen die Wandanstriche aus der Nachkriegszeit
abgenommen. In der Zeit des US-Militärgefängnisses angebrachte Hinweise
und Symbole wurden überdeckt.
Einführung
Schülerinformation
Ort: Vor dem Bunker bei der großen Informationstafel (Richtung
Exekutionsmauer)
14 Bunker
Mit dem Bau des neuen Lagers [1938] ließ die SS von den Häftlingen ein
neues Arrestgebäude errichten. Dieses Lagergefängnis wurde Bunker genannt.
Der Bunker war innerhalb des Konzentrationslagers ein zentraler Ort des
Terrors.
In seinen Zellen wurden Häftlinge zur Strafe wochen- oder monatelang
eingesperrt, oftmals im Dunkeln und mit einer Ernährung, die noch geringer
war als im übrigen Lager.
Im Bunker misshandelte und folterte die SS Gefangene.
Ab 1944 wurden als zusätzliches Instrument der Folter Stehzellen
eingebaut.
Eine unbekannte Zahl von Häftlingen wurde im Bunker ermordet oder in den
Selbstmord getrieben.
Ab 1941 brachte die Gestapo im Bunker auch prominente Sonderhäftlinge als
Geiseln des Regimes unter.
Ebenfalls 1941 wurde im linken Gebäudeflügel ein Straflager für Polizei-
und SS-Angehörige eingerich-tet.
Nach der Befreiung nutzte die amerikanische Militärregierung das Gebäude
zur Internierung von NS-Tätern.
Nach Abschluss der Militärgerichtsprozesse war das Gebäude
Militärgefängnis für Angehörige der US-Armee.
Je nach Schülergruppe und Ort genügt auch die folgende Information:
3003 (Wachraum)
Der Bunker war innerhalb des Konzentrationslagers ein zentraler Ort des
Terrors. Im Hof des Bunkers exekutierte die SS Gefangene und führte die
Prügelstrafe und das "Pfahlhängen" durch.
1.
Station: Exekutionen
Schülerinformation
Schon in den beiden "alten" Bunkerbauten wurde der Bunkerhof zur
Hinrichtung von Gefangenen benutzt, so z.B. bei der Niederschlagung des
angeblichen "Röhmputsches" 1934.
Hintergrundinformation
"Im KZ Dachau bzw. in dessen Nähe fanden im Rahmen der "Röhm-Aktion"
insgesamt achtzehn Exekutionen statt. Unter großen
Sicherheitsvorkehrungen waren die verhafteten Todeskandidaten zwischen
30. Juni und 2. Juli in das Konzentrationslager gebracht worden. Noch am
30. Juni erschoss die SS Gustav Ritter von
Kahr kurz nach dessen Einlieferung im Innenhof des Bunkers. Hitler
ließ späte Rache an dem ehemaligen Generalstaatskommissar für Bayern
üben, weil von Kahr den "Hitler-Putsch" vom 9. November 1923 trotz
anfänglicher Zustimmung hatte niederschlagen lassen. Neben acht
SA-Führern ermordete die Dachauer SS bis zum 2. Juli 1934 auch vier
Zivilisten, unter ihnen den früheren Chefredakteur der Münchner Neuesten
Nachrichten, Fritz
Gerlich, der die NS-Bewegung in seiner Wochenzeitschrift "Der gerade
Weg" bekämpft hatte.
Erstmals diente das KZ Dachau und hier vor allem der Bunkerhof der
obersten NS-Führung als Mordstätte."
Dirk A. Riedel: Die Bunkerbauten im KZ Dachau,
Augsburg 2001, S. 19
"Der dritte Bunker, ein flacher Zellenbau, der noch heute besichtigt
werden kann, ist nur knapp zehn Meter breit, erstreckt sich aber über
die ganze Länge des Wirtschafsgebäudes (196 Meter). Beide Bauten
verlaufen parallel zueinander und bilden einen gemeinsamen Hof.
Ursprünglich schirmte eine Mauer den Arrestbereich im Westen vom
restlichen Häftlingslager ab, so dass das Gelände nur an einem
Wachhäuschen vorbei betreten werden konnte.
Dirk A. Riedel: Die Bunkerbauten im KZ Dachau,
Augsburg 2001, S. 22
Auch im Hof des 1938 vollendeten neuen Bunker fanden immer wieder
Exekutionen statt.
"Eine ... Mauer zwischen Zellenbau und Wirtschaftsgebäude teilte ungefähr
auf halber Höhe des Bunkerhofs einen hinteren kleineren Platz ab. In
diesem zweiten Hof hatte die SS eine Erschießungswand mit einem Kugelfang
und einem Hinrichtungspfahl anbringen lassen."
Dirk A. Riedel: Die Bunkerbauten im KZ Dachau, Augsburg 2001, S. 22
Hintergrundinformation
"Mit dem Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 nahmen die Morde
in den Konzentrationslagern eine neue, schreckliche Dimension an. Schon im
Juli befahl der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich,
Gestapo-Kommissionen in die Kriegsgefangenenlager zu schicken, um
diejenigen Häftlinge "auszusondern", die in den nächstgelegenen KZ
ermordet werden sollten. Neben Politkommissaren der Roten Armee und
anderen politisch aktiven Soldaten sahen Heydrichs Einsatzbefehle Nr. 8
und Nr. 9 auch die "Aussonderung" von führenden Persönlichkeiten aus
staatlichen Behörden und dem Wirtschaftsleben, der "sowjetrussischen
Intelligenzler", aller Juden und der "Aufwiegler oder fanatischen
Kommunisten" vor.
Im August 1941 notierte der tschechische Häftling Karel Kasák in seinem
heimlich geführten Tagebuch, dass mehrere Personen mit Autos in den
Bunkerhof gebracht worden seien. Die SS hatte den Gefangenen befohlen,
ihre Arbeitsplätze in der südlichen Hälfte des Lagers, also in der Nähe
des Arrests zu räumen. Mit Schießübungen der Wachtruppe sollten die
Gewehrsalven im Bunkerhof übertönt werden. Doch am Abend, als Kâsák mit
anderen Gefangenen von einem Außenkommando ins Lager einrückte,
überraschten die Häftlinge das Exekutionsdefilee der SS, das gerade aus
dem "Arresthof" kam und nicht mit dem Erscheinen der Gefangenen gerechnet
hatte.
Weitere Erschießungen fanden seit September 1941 außerhalb des
Konzentrationslagers statt. Offenbar nahm die SS im Bunkerhof wegen der
"schlechten Tarnungsmöglichkeit" nur noch in Ausnahmefällen Hinrichtungen
vor. Von Herbst 1941 bis 1942 ermordeten Exekutionskommandos der SS über
4.000 sowjetische Kriegsgefangene auf dem
Schießplatz Hebertshausen
bei Dachau."
Dirk A. Riedel: Die Bunkerbauten im KZ Dachau, Augsburg
2001, S. 26f.
2.
Station: Bock
Ort: Vor dem Bunker
Vom "Bock" gibt es leider weder ein Foto noch eine Zeichnung im
Bunker. Sie können bei dieser Station auf den im Museum ausgestellten
Prügelbock hinweisen. Im Leseraum befindet sich in
einer der Kladden ein Rückenfoto eines zu Tode geprügelten Häftlings.
Schülerinformation
Der "Bock" war eine der am meisten gefürchteten Lagerstrafen. Die nach
dem dazu verwendeten Prügelbock benannte Folter wurde über Jahre hinweg im
Bunkerhof vollstreckt.
Julius Schätzle beschreibt das aus oft nichtigen Anlässen verhängte
"Über-den-Bock-gehen" folgendermaßen:
Mit der Ernennung von Hauptsturmführer Zill zum Lagerführer begann
wieder eine harte Zeit. (...) Die von der Reichsführung der SS verordneten
25 Stockhiebe wurden von Zill durch Einführung von Doppelhieben erhöht
[1940].
Rechts und links des Delinquenten stellte sich je ein SS-Mann. Mit
sadistischer Wollust wurden schon die Vorbereitungen in Ruhe genossen. Der
Waffenrock wurde abgelegt, die Hemdsärmel hochgestülpt, die im Wasserbad
eingeweichten Ochsenziemer fachmännisch auf ihre Tauglichkeit geprüft. Die
Zwischenzeiten waren ausgefüllt mit Witzen über die zu erwartenden
Schmerzensschreie. Dann folgten lange Verlesungen der Urteile. Diese
endlose Wartezeit war für die Häftlinge eine besondere Nervenqual.
Endlich mußte der erste vortreten. Das Hemd des Delinquenten wurde
hochgezogen, die Unterhosen nach unten gestopft, so daß nur die dünne
Leinenhose übrigblieb. Dann wurde er über einen Bock gezogen und
festgeschnallt. Zum Überfluß setzte sich ihm noch ein SS-Mann ins Genick.
Bei der eigentlichen Prügelei legte der "Herr" SS-Hauptsturmführer Zill
großen Wert darauf, daß die SS-Männer ihre ganze Kraft einsetzten. Aber es
durfte nicht schnell gehen. Gemütlich seine Zigarette rauchend,
wiederholte er immer wieder: "Langsam, langsam, er soll zu seinem vollen
Genuß kommen!"
Der arme, sich vor Schmerzen windende Tropf auf dem Bock war zu all dieser
Pein noch verpflichtet, die Streiche laut und deutlich zu zählen. Wehe
ihm, wenn ihn jetzt seine Nerven verließen und ihm ein Fehler unterlief.
Sogleich ertönte der lakonische Ruf von Zill: "Falsch, von vorn beginnen!"
Wurde er vor lauter Schmerzen bewußtlos, so wurde ein Kübel Wasser über
ihn gegossen und gewartet, bis das Bewußtsein wiederkehrte, dann wurde die
Prozedur fortgesetzt. Den zu ertragenden Schmerz kann ich nicht
beschreiben. Es gibt hierzu keine Vergleiche.
Julius Schätzle, Wir klagen an. Ein Bericht über den
Kampf, das Leiden und Sterben in deutschen Konzentrationslagern,
Kulturaufbau-Verlag, Stuttgart 1946, S. 16
Die Folgen waren nicht selten fürchterlich und machten oft eine
Behandlung im Revier nötig.
"Wir zitieren eines dieser Krankenblätter: 'Auf der linken Gesäßhälfte
starke schwarz-blau verschwollene eitrige Striemen. Die rechte Gesäßhälfte
weist faustgroße Löcher auf, so daß eine Fleischpolsterung erfolgen muß.
Außerdem ist die rechte Niere verletzt, so daß eine Entfernung nötig
werden wird. Urin blutig.'"
Zitiert nach: Nico Rost,
Konzentrationslager Dachau, Herausgegeben vom Comité International de
Dachau
Anlässe für die Verhängung dieser Folter finden sich in der
Disziplinar- u. Strafordnung für
das Gefangenenlager vom 1.10.1933 (Auszüge)
§ 6
mit 8 Tagen strengem Arrest und mit je 25 Stockhieben zu Beginn und
am Ende der Strafe wird bestraft:
1.) wer einem SS-Angehörigen gegenüber abfällige oder spöttische
Bemerkungen macht, die vorgeschriebene Ehrenbezeugung absichtlich
unterläßt, oder durch sein sonstiges Verhalten zu erkennen gibt, daß
er sich dem Zwange der Zucht und Ordnung nicht fügen will. (...)
§ 8.
Mit 14 Tagen strengem Arrest und mit 25 Stockhieben zu Beginn und am
Ende der Strafe werden bestraft:
1.) Wer das Gefangenenlager ohne Begleitperson verläßt, oder
betritt, wer unbefugt sich einer ausmarschierenden Arbeitskolonne
anschließt,
2.) wer in Briefen oder sonstigen Mitteilungen abfällige Bemerkungen
über nationalsozialistische Führer, über Staat und Regierung,
Behörden und Einrichtungen zum Ausdruck bringt, marxistische oder
liberalistische Führer oder Novemberparteien verherrlicht, Vorgänge
im Konzentrationslager mitteilt,
3.) wer verbotene Gegenstände, Werkzeuge, Hieb- oder Stoßwaffen in
seiner Unterkunft oder in Strohsäcken aufbewahrt. |
Im Anschluss an die Auspeitschung wurde der Häftling in der Regel für
einige Tage - manchmal bis zu 42 Tage - in den Bunker geworfen.
3019 (Untersuchungsraum)
Josef Ulc (1900-1978)
Der tschechische Musiker aus Kolin wurde 1939 als politischer Gegner
verhaftet. Im Herbst 1940 kam er aus dem KZ Sachsenhausen in das KZ
Dachau.
Wegen angeblicher Fluchtabsichten wurde er mit 50 Stockhieben und 14 Tagen
Dunkelhaft im Bunker bestraft.
Verweis auf die Aussage von Josef Ulc in der Tonstation (Gefangene
berichten über ihre Haft im Bunker)
"Ich wurde nun in eine dunkle Zelle eingesperrt, in der ich 14 Tage
zubringen mußte. Es war schrecklich, ganz alleine in vollständiger
Dunkelheit zu sein.
Drei Tage musste ich hungern, erst am vierten Tage bekam ich etwas zu
essen. Ich hatte jedes Zeitempfinden verloren, manchmal wusste ich
nicht, ob es Tag oder Nacht war, es war fast zum Verrücktwerden. Meine
Unterhaltung war, dass ich mir mein eigenes Leben erzählte, sonst sang
ich leise alle möglichen Opern- oder Operettenmelodien, dann Schlager,
und erfand selber neue Melodien. Und ständig sprach ich etwas, zählte
meine Schritte (Sitzen war nicht gestattet) von 10 bis 50.000. Oft
fasste ich mich an die Stirn und fragte mich, ob ich noch klar von
Verstand wäre."
Josef Ulc, 1941
aus : Josef Ulc, Dachauer Lagermusik, Prag 1946
Verweis auf die Information über Giuseppe Pini in der PC-Station
und im Leseraum
Giuseppe Pini (*1924)
Pini wurde 1924 in Grosio (Provinz Sondrio) in Italien geboren. Bei
der Erklärung des italienischen Waffenstillstandes am 8. September 1944
befand er sich als Soldat "reduci" in einer Kaserne in Alessandria
(Piemont). Am nächsten Tag wurden alle Soldaten von deutschen Truppen in
Kriegsgefangenschaft genommen und zu Fuß nach Mantua in ein Lager
getrieben. Dort traf Pini Kameraden aus seiner Heimat wieder. Von Mantua
wurden die Soldaten in Viehwagen abtransportiert und gelangten nach ca.
zehn Tagen in das Kriegsgefangenenlager Moosburg.
Von dort wurden die Gefangenen in Gruppen zur Arbeit in
Rüstungsbetrieben und in der Landwirtschaft eingeteilt. Pini musste bei
BMW in München arbeiten, wo er zusammen mit anderen Italienern in einem
von Wehrmachtssoldaten beaufsichtigten Barackenlager untergebracht
wurde. Pini war dabei, als zwei deutsche und ein russischer Arbeiter
Ausweise im Schutt fanden und dabei von einem SS-Wachsoldaten ertappt
wurden. Alle wurden am 29. September 1944 in das KZ Dachau gebracht.
Giuseppe Pini durchlief die Einlieferungsprozedur und erhielt wie alle
italienischen und russischen Gefangenen nach dem Schneiden des
Kopfhaares als Kennzeichen einen Streifen von 5 cm herausrasiert, die
"Autobahn". Er bekam Häftlingskleidung, einen roten Winkel mit dem "I"
für Italiener und die Nummer 112.429.
Als Pini in den Küchenabfällen nach Essbarem suchte, wurde er von der
SS mit zweimal 25 Schlägen und Bunkerhaft bestraft. Ein weiteres Mal kam
er in den Bunker kurze Zeit vor der Befreiung, weil er ein Brot, das vom
Brotwagen gefallen war, an sich nahm. Am 25. April 1945 wurde
Giuseppe Pini aus dem Bunker entlassen. Bei der Befreiung war er mit
35-40 kg auf die Hälfte seines früheren Körpergewichts abgemagert.
Im Mai 1945 kehrte Pini in seine Heimat zurück. Seine Familie hatte über
ein Jahr nichts mehr von ihm gehört.
Eventuell Verweis auf Wagner (als Beispiel für Zivilcourage und
Widerstand im KZ) in der PC-Station und im Leseraum
Karl Wagner (1909-1983)
Karl Wagner war in Stuttgart-Feuerbach als Sohn eines Hilfsarbeiters
aufgewachsen. Wagner, gelernter Kunststeinarbeiter, wurde Anfang 1931
arbeitslos. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei.
Am 25. März 1933 verhaftete ihn die Politische Polizei als
kommunistischer Funktionär. Nach drei Monaten Haft im württembergischen
KZ Heuberg wurde er im Juni 1933 entlassen.
Nun übernahm er die Leitung der illegalen kommunistischen Organisation
im Stadtteil Feuerbach, bis er im Oktober 1933 erneut festgenommen
wurde. Bei einer der Vernehmungen konnte aber fliehen und in die Schweiz
flüchten. Von dort aus unterstützte er die illegale kommunistische
Arbeit im Reich und kehrte auch im Januar 1934 für kurze Zeit nach
Stuttgart zurück. Im März 1935 wurde er erneut nach Stuttgart gesandt,
um die Nachfolge des verhafteten Leiters der Roten Hilfe zu übernehmen.
Durch einen Zufall wurde er einem Beamten der Politischen Polizei
erkannt und festgenommen. Nach neun Monaten Untersuchungshaft
verurteilte ihn ein Gericht zu eineinhalb Jahren Gefängnis unter
Anrechnung der Untersuchungshaft. Nach der Strafverbüßung im Gefängnis
in Ulm brachte ihn die Gestapo im März 1936 in das KZ Börgermoor. Im
Herbst 1 936 kam von dort über das KZ Welzheim am 19. Dezember 1936 in
das KZ Dachau.
Als zweitmaliger KZ-Häftling wurde er sofort der Prügelstrafe unterzogen
und in die Strafkompanie verlegt. Die Strafkompanie war es, die beim Bau
des Bunkers 1937 eingesetzt wurde.
Bei der vorübergehenden Auflösung des KZ Dachau im September 1939 wurde
Wagner mit der gesamten Strafkompanie in das KZ Mauthausen überstellt,
das sie bei ihrer Rückkehr im Februar 1940 als "Mordhausen"
bezeichneten. Fast die Hälfte der Gefangenen der Strafkompanie war in
den wenigen Monaten dort umgekommen. Nach seiner Rückkehr wurde Wagner
zweiter Kapo in einem Baukommando, wo er versuchte sein Kommando vor dem
Terror der SS zu schützen. Wegen einer unterlassenen Meldung eines
jüdischen Mithäftlings wurde er 1941 mit 25 Schlägen und drei Tage
Bunker bestraft. Dennoch wurde er kurz darauf zum Lagercapo ernannt,
der für alle Innenkommandos zuständig war. In dieser Zeit begannen sich
auch illegale Kommunikationsstrukturen herauszubilden und Ansätze einer
illegalen Organisation. Einem vor allem Kommunisten angehörenden Kreis
gehörte auch Karl Wagner an. Im Februar 1942 wurde Wagner als Capo beim
Bau der "Baracke X", des neuen Krematoriums eingesetzt, dann ab
September 1942 als Capo des Außenlagers in Neustift bei Innsbruck. Im
April 1943 wurde er als Lagerältester in das Außenlager München-Allach
geschickt, wo unter dem SS-Kommandanten Jarolin schreckliche
Verhältnisse herrschten.
Als Jarolin ihn im Juli 1943 anwies, die Prügelstrafe an einem
Mithäftling auszuführen, verweigerte Wagner den Befehl. Diese Weigerung
hätten seinen sofortigen Tod bedeuten können. Wagner wurde nach Dachau
gebracht und zu sechs Wochen Dunkelhaft im Bunker, anschließend 25
Stockhiebe, verurteilt.
nach fünf Tagen in den in Dachau.(sic!) Danach wurde er in Dachau wieder
als Baucapo eingesetzt. Im März 1944 wurde der Führungskreis der
illegalen Organisation, der Wagner angehörte verhaftet und in den Bunker
gebracht. Trotz schwerer Mißhandlungen und Folterungen, auch der Haft im
Stehbunker, blieben die Gefangenen standhaft. Nach sechs Wochen wurden
die Gefangenen in die Strafkompanie überstellt und in ihrem Block
isoliert. Im Juni/Juli 1 944 wurden die langjährigen politischen
Gefangenen aus Dachau in andere Konzentrationslager überstellt. Wagner
kam am 18. Juli 1944 in das KZ Buchenwald. Dort konnte er mit den
anderen Dachauer Häftlingen dank der Hilfe der illegalen Buchenwalder
Organisation die Identität wechseln und so überleben.
3. Station:
Pfahlhängen
Ort: Vor dem Bunker bei Tafel 14 (kurz nach dem Haupteingang) oder
im ehemaligen Wachraum (Raum 02)
Schülerinformation
3006 (Wachraum)
"Pfahlhängen"
Mit dieser qualvollen Tortur bestrafte die SS Häftlinge oder versuchte
Geständnisse zu erpressen.

(Zeichnung von Georg Teuber, 1945)
Das "Baumhängen", auch "Pfahlhängen" genannt, weil man in Dachau Pfähle
bzw. Balken verwendete, war bis 1943 (dann wurde es abgeschafft, weil es
die Opfer arbeitsunfähig machte) eine der am häufigsten verhängten
Lagerstrafen.
Zunächst wurde es an im vorderen Bunkerhof aufgestellten Pfählen
durchgeführt.
Ab 1941 wurde der im Wirtschaftsgebäude befindliche Baderaum, wo man bis
zu 49 Häftlinge an den zu diesem Zweck angebrachten Balken aufhängen
konnte, für den Vollzug dieser Folter benutzt.
Julius Schätzle beschreibt das "Baumhängen" folgendermaßen:
"Bei diesem Hängen, kurz "Baum" genannt, wurden dem Verurteilten mit
einer eisernen Kette die Hände nach hinten zusammengeschlossen. Dann mußte
er einen drei Stufen hohen Tritt erklettern. Der Henker nahm das andere
Kettenende, klinkte es in einem an einem Balken angebrachten Haken ein und
zog den Tritt dem Daraufstehenden mit einem Ruck unter den Füßen weg.
Dieser schwebte nun mit nach hinten gerissenen Armen ungefähr 20
Zentimeter über dem Boden.
Im allgemeinen dauerte diese Prozedur eine Stunde. Das Hängen war aber
auch eine sehr beliebte Methode zur Erpressung von Aussagen. In einem
solchen Falle hing schon mancher über zwei Stunden. Mancher bis zu seinem
Tode. In der Regel trat der Tod zwischen der zweiten und vierten Stunde
ein.
Fürchterliche Schmerzen in den Schultern und Handgelenke waren die Folgen
dieser Behandlung. Nur mühsam konnte die Lunge mit dem nötigen Sauerstoff
versorgt werden. Das Herz arbeitete in einem rasenden Tempo. Aus allen
Poren drang der Schweiß. Aber auch nach der Stunde dieses Fegefeuers
zeigten sich noch üble Folgen. Der Häftling war nicht mehr in der Lage,
seine Hände und Arme zu benützen, alles war gelähmt. Oft war eine
wochenlange Behandlung im Revier notwendig, um diese Folgen zu
beseitigen."
Julius Schätzle, Wir klagen an. Ein Bericht über den
Kampf, das Leiden und Sterben in deutschen Konzentrationslagern,
Kulturaufbau-Verlag, Stuttgart 1946
Hans Carls äußert sich über das Verhalten der SS bei diesen
Folterungen:
"Die SS war in der Regel zu mehreren zugegen. Sie rauchten ihre
Zigaretten und spielten Karten. Wurde das Geschrei zu laut, drohten sie
mit ihren Peitschen, schlugen sogar öfter die armen Gequälten, oder, was
noch gemeiner war, bewegten sie hin- und her, um den Schmerz noch zu
erhöhen."
Hans Carls, Dachau. Erinnerungen eines katholischen
Geistlichen aus der Zeit seiner Gefangenschaft 1941-1945, Verlag J. P.
Bachem, Köln 1946
Die SS schreckte auch nicht davor zurück, Häftlinge im Bunker
umzubringen. Diese Morde wurden nicht selten als Selbstmorde ausgegeben.
3004 (Wachraum)
Skizze der Zelle 4 des ersten Bunkers mit dem ermordeten jüdischen
Häftling Louis Schloss
Die SS stellte seine Ermordung als Selbstmord dar.
(Skizze des Landgerichtsarztes Dr. Flamm vom 18.5.1933, Staatsarchiv
München)
4. SS im
Bunker
3007 (Wachraum)
SS im Bunker
Manche SS-Angehörige sind den Gefangenen durch ihre Grausamkeit und
Mordlust besonders in Erinnerung geblieben. Hierzu gehörten neben anderen
Johann Kantschuster (Aufseher im Bunker 1933-1939) und Josef Seuß
(Aufseher im Bunker 1938-1942).
Für die Zeit ab 1943 wird seltener über Morde im Bunker berichtet. Über
Edgar Stiller, den letzten Verantwortlichen für den Bunker, sind keine
Anschuldigungen ehemaliger Häftlinge über persönliche Grausamkeiten
bekannt geworden.
Beamte der Politischen Abteilung (Gestapo) wie Johann Kick führten im
Bunker Vernehmungen durch. Sie misshandelten und folterten Gefangene um
Geständnisse zu erpressen.
3008
Johann Kantschuster (1897 - ? )
SS-Obersturmführer
Johann Kantschuster gehörte von 1933 bis 1939 dem Kommandanturstab des KZ
Dachau an Der wegen seiner Brutalität gefürchtete Aufseher ermordete
mehrere Häftlinge Er ist seit 1945 verschollen.
Passfoto der NSDAP-Akte, 1942 Bundesarchiv Berlin
Weitere Informationen über Kantschuster finden Sie in der Wikipedia
3009
Josef Seuß (1906-1946)
SS-Scharführer
Josef Seuß gehörte seit April 1933 der Wachtruppe bzw. dem
Kommandanturstab des KZ Dachau an. Von 1938 bis 1942 leistete er
Jourdienst im Bunker. 1946 wurde er im ersten Dachau-Prozess zum Tode
verurteilt und hingerichtet.
Passfoto der SS-Akte, 1943 Bundesarchiv Berlin
Weitere Informationen über Seuß finden Sie in der Wikipedia
Verweis auf die Aussage von Erwin
Gostner in der Tonstation:
"Ich komme in den Bunker! Nur ein Dachauer weiss, was das bedeutet.
Ein SS-Scharführer, der wegen seiner Grausamkeit berüchtigte Blockführer
Seuss, und sein Helfershelfer Bernhardt, ein Hamburger Raubmörder und
Berufsverbrecher, nehmen uns in Empfang. Letzterer steht auf dem Gang,
als ich in meine Zelle geführt werde. Auch er trägt die
Häftlingsuniform, aber ohne Nummer. Er genießt wegen seiner Brutalität
bei den SS-Leuten ei-ne Sonderstellung. Sie können ihn gut brauchen,
denn er nimmt ihnen die schmutzigste Arbeit ab. Von diesem Menschen
spricht das ganze Lager. Er gleicht seinen beiden Bluthunden, die ihn
stets begleiten. Als ich an ihnen vorbeigehe, schnuppern sie an meinen
Stiefeln."
Erwin Gostner, Juni 1938
aus: Erwin Gostner, 1000 Tage Im ZK. Innsbruck 1945, S.30
Verweis auf die Aussage von Werner Thalheim in der Tonstation:
"Der Bunkerchef ist ein Scharführer (...) voller Sadismus und
ständig neuen Überraschungen. Plötzliche Appelle, vor allem nachts, wo
er alle Häftlinge nackend über den Bunkerhof jagt und dann die Hunde
losbindet, so dass du völlig erschöpft wieder in deiner Zelle landest.
Kommt dein Peiniger aber gerade von einem Saufgelage der SS, dann ist
für Stunden die Hölle los und ein jeder sitzt ängstlich in der Ecke
seiner Zelle, wartend, bis endlich der Schlaf den Henkersknecht
übermannt.
Was mich besonders nervt, ist das Gestöhne aus den Nebenzellen. Es sind
die mit Bock oder Baum bestraften Kameraden, die dann noch 3 - 10 Tage
Bunker verbüßen müssen."
aus: Werner Thalheim, Dachau, wie ich es erlebte und
überlebte. Manuskript KZGDa. S. 36f
3011
Johann Kick (1901-1946)
Kriminalsekretär (Gestapo)
Johann Kick war von 1937 bis 1945 Leiter der Politischen Abteilung
(Gestapo) des KZ Dachau. Er misshandelte Gefangene und beteiligte sich an
Exekutionen.
Im ersten Dachau-Prozess wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Passfoto der SS-Akte, 1941
Bundesarchiv Berlin
Weitere Informationen über Johann Kick finden Sie in der Wikipedia
5. Station:
Die Zellen
Ort: Wenn möglich im Zellengang
Schülerinformation
3013
Häftlinge im Bunker (Vernehmungsraum)
Zwischen April 1933 und der Befreiung 1945 waren mehrere tausend Menschen
in den drei Bunkern (1933; 1934-1938, 1938-1945) des KZ Dachau über
längere Zeit inhaftiert. Nur in wenigen Fällen wissen wir Genaueres über
ihr Schicksal.
KZ-Häftlinge aus dem Lager verbüßten hier Lagerstrafen, eine unbekannte
Zahl wurde ermordet.
Die Gestapo isolierte politische Gefangene im Bunker über Monate oder
Jahre.
"(...) alle Zellen hatten die gleiche Größe (2,20 breit, 2,90 tief und
3,10 Meter hoch), sie waren nummeriert, ihr Boden bestand aus Parkett. An
den Türen war jeweils eine verschließbare Essensklappe und ein Spion aus
Glas angebracht, der mit einer Blende von außen abgedeckt werden konnte.
Jeder Gefangenenraum verfügte über einen Heizkörper, ein Waschbecken und
eine Spültoilette. Heizung wie Wasserzufuhr konnten vom Gang aus reguliert
werden. Entsprechende Kräne befanden sich in Wandkästen neben den
Zellentüren. Auch das elektrische Licht in den Gefangenenräumen musste im
Flur an- und ausgeschaltet werden. In allen Zellen gab es kleine
Lüftungskanäle und ein schmales, vergittertes Oberlicht, das gekippt
werden konnten. Doch Rollläden ermöglichten es der SS, einzelne Räume von
außen völlig zu verdunkeln. In den meisten Verliesen war eine Pritsche
angebracht, die an die Wand hochgeklappt werden konnte."
Dirk A. Riedel, Die Bunkerbauten im KZ Dachau, Augsburg
2001, S. 23
Der österreichische Schutzhäftling
Erwin Gostner, der vom 9. Juni bis zum 28. Oktober 1938 in dem gerade
errichteten "Bunker" eingesperrt war, beschreibt seine Zelle
folgendermaßen:
"Meine neue Zelle ist groß und sauber. Sie enthält ein einfaches
Bettgestell, eine Wasserleitung mit Waschbecken, ein Spülklosett und
Zentralheizung. Die Wände sind blendend weiß, der Boden aus Parkett, (..)
Die äußerlich korrekte Aufmachung unseres Gefängnisses beeindruckt mich
jedoch nicht mehr. Ich weiß, daß es sich hierbei nur um ein "Potemkinsches
Dorf" handelt, um ein Täuschungsmanöver, das den dann und wann zur
Besichtigung kommenden ausländischen Pressevertretern Sand in die Augen
streuen soll, wenn das Ausland wegen der grausamen Behandlung der
Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern Alarm schlägt."
Erwin Gostner, 1000 Tage im KZ, Innsbruck 1947
Verweis auf die Zitate von Buzengeiger und Gostner in den Zellen
9, 25 und 19
(siehe Station 10)
Verweis auf die Informationen über Walter Buzengeiger in der
PC-Station, im Leseraum und in den Zellen 9 und 25
Walter Buzengeiger
(1910-1997)
Walter Buzengeiger wurde am 27. Januar 1910 in Heidelberg geboren.
Nach dem Abitur im Frühjahr 1928 nahm er in Köln und München das Studium
der Volkswirtschaft auf, das er am 31. Juli 1931 mit dem Diplom für
Volkswirte abschloss. In Köln fand Walter Buzengeiger Anschluss an eine
sozialistische Studentengruppe. In München beteiligte er sich an den
Aktivitäten einer linken Gruppierung und trat der KPD bei. Auf das
Studium folgte eine Zeit der Arbeitslosigkeit und politischen
Engagements, bei dem Walter Buzengeiger Senta Leutner kennenlernte. Sie
heirateten am 29. März 1932. Ab Sommer 1932 arbeitete Walter Buzengeiger
als Vertriebsleiter der "Arbeiter-lllustrierten-Zeitung" für Nordbayern
und zog nach Stein bei Nürnberg um. Auf Grund einer Denunziation
wurde Buzengeiger am 1. Februar 1933 in Nürnberg verhaftet. Er wurde in
einem Verfahren vom Vorwurf der illegalen Betätigung vor dem Bayerischen
Obersten Landesgericht freigesprochen. Seine Ehefrau kam für drei Jahre
in Schutzhaft.
Walter Buzengeiger wurde trotz des Freispruchs nicht entlassen,
sondern von der Bayerischen Politischen Polizei in Schutzhaft genommen
und in das KZ Dachau eingewiesen.
Er gehörte dort zum Kreis um Willi Franz und Dr. Delwin Katz. Wie diese
wurde er verdächtigt, Außenkontakte zu unterhalten, und deshalb in den
Bunker gebracht. Von Februar bis Oktober 1934 war er im Bunker in
Dunkelhaft und wurde mehrmals misshandelt.
Obwohl sich seine Mutter seit seiner Inhaftierung in Briefen an den
NSDAP-Gauleiter Wagner, an Reichsstatthalter Epp und an den
Reichsführer-SS Himmler für die Freilassung ihres Sohnes einsetzte,
wurde Walter Buzengeiger lange nicht entlassen. Eine Rolle spielte dabei
auch, dass er sich weigerte sich von seiner ebenfalls inhaftierten
Ehefrau scheiden zu lassen.
Erst am 8. Oktober 1936 kam Buzengeiger frei. Er wohnte zunächst bei
seiner Mutter in Grötzingen, dann in Durlach, wo ihm die
NSDAP-Kreisleitung nach einer Periode der Arbeitslosigkeit eine
Beschäftigung bei der Nähmaschinenfabrik Gritzner-Kayser vermittelte.
Weihnachten 1936 zog Senta Buzengeiger, die fast drei Jahre Haft im
Frauengefängnis in Aichach bei Augsburg verbüßt hatte, zu ihrem Mann. Am
28. Januar 1938 wurde ihre Tochter Toni geboren.
Im Mai 1939 wurde Buzengeiger zum Wehrdienst eingezogen. Er leistete
Kriegsdienst als Soldat, zuletzt in einer Sanitätsabteilung.
Im Herbst 1945 wurde Walter Buzengeiger Leiter des Liegenschaftsamts der
Stadt Ulm. Später holte er seine Promotion nach. 1950 verließ er die
kommunistische Partei und schrieb als freier Mitarbeiter für die
"Schwäbische Donau Zeitung". Walter Buzengeiger starb am 10. August
1997.
In Einzelfällen wurden auch Frauen aus Außenlagern im Bunker
inhaftiert.
Verweis auf Maria Vaders
Maria Johanna Vaders, geboren 1922 in Den Haag/'Niederlande.
Die kaum 18jährige Beamtin des Arbeitsamtes Den Haag unterstützte
verschiedene Widerstandsbewegungen. Unter dem Decknamen »A.C. contact
V.G.« (Beambten contact Freie Gruppe Den Haag) arbeitete die
Widerstandsgruppe, der Maria Vaders angehörte: es wurden Ausweise und
Kennkarten gefälscht und Kurierdienste ausgeführt.
1944 wird die Gruppe nach dreijähriger Widerstandsarbeit von einem
Provokateur verraten. Maria Vaders wird am 20. 6.1944 in das Gefängnis
Oranjehotel Scheveningen gebracht, danach in das Konzentrationslager
Herzogenbusch, einer Abteilung des S.D. Lagers Vught, deportiert. Am 6.
9. 1944 werden die Häftlinge des Konzentrationslagers Vught im
Viehwaggon in das Konzentrationslager Oranienburg, die Frauen in das KZ
Ravensbrück verlegt. Die Gruppe von zweihundert holländischen Frauen,
der Marie Vaders angehörte, wurde am 13. Oktober 1944 in das
Außenkommando Agfa-Kamerawerk des Konzentrationslagers Dachau gebracht.
Marie Vaders bekam die Häftlingsnr. 123145. Sie erlebte hier die
Befreiung, um dann in die Niederlande zurückzukehren. Heute berichtet
sie vom Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des Nazisystems, mit dem
sich die holländischen Frauen in diesem Außenkommando gegen zu lange
Arbeitszeit, Strafappelle und zu schlechte Ernährung zu wehren
versuchten. Da man Marie Vaders für verantwortlich für diese
Streikaktionen hielt, wurde sie für sieben Wochen im Bunker
eingeschlossen. Zwischendurch erkrankte sie und kam für zwei Wochen in
die Desinfektionsbaracke, um danach wieder in den Bunker zurückgebracht
zu werden. Später erfuhr sie, daß sie als »NN« (Nacht-und-Nebel-)Gefangene
hätte nach Bergen-Belsen gebracht werden sollen, doch dazu kam es nicht
mehr. Maria Vaders war eine der wenigen weiblichen Deportierten des
Konzentrationslagers Dachau. Über ihr Gedicht »Bunker Dachau« berichtet
sie heute: »Im Bunker habe ich nicht geschrieben, das war zu gefährlich.
Ich hatte einen Bleistift in meinen Haaren versteckt und konnte
irgendwann eine kurze Notiz auf Toilettenpapier stenografieren. Später
habe ich dann alle meine Gedanken aufgeschrieben . . .« 1993
veröffentlichte Marie Vaders ein Lyrikbändchen mit Gedichten über ihre
Lagererfahrung, in dem auch dieses Gedicht [siehe
Führungshilfe Bunker] enthalten ist.
Mein Schatten in Dachau, Zusammengestellt
und kommentiert von Dorothea Heiser, Hrsg. vom Comité International de
Dachau, München 1993
"Die zunehmende Überfüllung des KZ Dachau und die steigende Nutzung des
Zellenbaus als Geiselgefängnis [Sonderhäftlinge] wirkte sich auch auf die
Haftbedingungen der übrigen Bunker-Insassen aus. So sperrte die SS
Gefangene, die zu einer Arreststrafe bestraft worden waren, oder als
"Untersuchungshäftlinge" isoliert wurden, nun oft mit sieben bis acht
Personen in eine einzige Zelle. Auf engstem Raum wurden dreistöckige
Etagenbetten aufgestellt."
Dirk A. Riedel: Die Bunkerbauten im KZ Dachau, Augsburg
2001, S. 34
6.
Station: Stehzellen
Ort: Zellen 63, 64, 65
Schülerinformation
3044
Stehzellen
1944 ließ die Lagerleitung in drei Zellen jeweils vier Stehzellen
einbauen. Sie hatten eine Grundfläche von ca. 70x70 cm, so dass sich die
Häftlinge weder hinsetzen noch hinlegen konnten. Die ununterbrochene Haft
in diesen Stehzellen konnte bis zu 72 Stunden dauern. Luft- und
Lichtmangel verschärften die Folter in diesen Verließen.
Nach der Befreiung des Lagers 1945 ließ die amerikanische
Militärverwaltung die Einbauten beseitigen.
Radovan Drazan (*1923)
Drazan, gebürtig aus Dobruska/Tschechoslowakei, wurde [im Alter von 18
Jahren] verhaftet (..) und in das KZ Dachau gebracht. Wegen eines heimlich
geschriebenen Briefes an seine Mutter, der von der SS entdeckt wurde, kam
Drazan am 20. Dezember 1944 in den Stehbunker. [Dort blieb er bis zum 30.
Dezember unter Qualen inhaftiert.]
Mehr
Häftlingsbiografien PC-Station
3021
Jurij Piskunov (* 1926)
Der [17jährige] sowjetische Häftling kam im November 1943 vom KZ
Mauthausen nach Dachau.
Im Oktober 1944 musste er zehn Tage in einer Stehzelle im Bunker
verbringen, weil er eine beim Trümmerräumen gefundene Zeitung in das Lager
mitgenommen hatte.
(Porträt, 30er Jahre)
Mehr
Bogdan Borçiç (* 1927)
Als Bogdan Borçiç eines Tages aus dem Magazin Seide schmuggelte und
dabei versuchte, dem Rapportführer aus dem Weg zu gehen, wird er wegen
Missachtung mit Haft im Stehbunker bestraft. Auf der Fläche von 70 mal
70 Zentimeter konnte sich der Gefangene weder hinsetzen noch hinlegen.
Die ununterbrochene Haft in diesen Zellen war für eine Dauer von bis
zu 72 Stunden gedacht (längere Haftzeiten sind bekannt), Luft- und
Lichtmangel verschärften die Strafe.
7. Station:
Sonderhäftlinge
Ort: Zellen 81 - 83 (Elserzellen)
3026
Georg Elser
(1903-1945)
Am 8. November 1939 scheiterte in München das Bombenattentat des
Kunstschreiners Georg Elser auf Hitler. Als Sonderhäftling im KZ
Sachsenhausen inhaftiert, kam Elser Anfang 1945 in das KZ Dachau. Hier
wurde er in strenger Einzelhaft gehalten, bekam aber mehrere Zellen (Nr.
81-83) zugewiesen.
Am 9. April 1945 wurde Georg Elser im Krematorium des KZ Dachau ermordet.
3029
Das Bombenattentat Georg Elsers
im November 1939
Unter dem Eindruck des drohenden Krieges beschloss Georg Elser 1938 Hitler
zu beseitigen.
Im Münchner Bürgerbräukeller, dem Traditionslokal der NSDAP, explodierte
am 8. November 1939 die Bombe: Acht Tote und über 60 Verletzte lagen unter
den Trümmern. Doch Hitler hatte kurz vorher den Saal überraschend
verlassen.
Elser wurde noch in derselben Nacht verhaftet.
Hinweis auf geistliche Sonderhäftlinge, deren Zellen sich am
Westausgang des Bunker befanden
3045
Geistliche Sonderhäftlinge
Ab 1943 war der westliche Teil des Bunkergangs durch eine Zwischentür
abgetrennt. In acht Zellen wurden dort prominente Geistliche wie Pastor
Dr. Martin Niemöller oder Domkapitular Johannes Neuhäusler gefangen
gehalten. Jeder Häftling hatte eine eigene Zelle; die übrigen Räume wurden
als Aufenthaltsraum oder für gemeinsame Gottesdienste genutzt.
Zelle 30 Dr. Martin Niemöller, Pastor in Berlin 1942/43-April
1945
Zelle 31 Dr. Michael Höck, Schriftleiter der "Münchner Katholischen
Kirchenzeitung" 1942/43-April 1945;
Gabriel Piguet, Erzbischof von
Clermont-Ferrand April 1945
Zelle 32 Dr. Johannes Neuhäusler,
Domkapitular in München1942/43-April 1945
Zelle 33 Speise- und Aufenthaltsraum
Zelle 34 Kapelle mit (Koffer-)Altar
Zelle 35 Corbinian Hofmeister (1891-1966), Abt von Metten, Ostern 1943
verhaftet, April 1944-April 1945 im KZ Dachau;
Karl Kunkel, Kaplan in Königsberg April
1945
Verweis auf die Informationen über Martin Niemöller, den heute
neben Georg Elser prominentesten
Sonderhäftling, in der PC-Station und im
Leseraum
Dr. Martin Niemöller (1892-1984)
Martin Niemöller stammte aus einem nationalprotestantischen Pfarrhaus.
Nach dem Abitur wurde er Marineoffizier und nahm als U-Boot-Kommandant
am Ersten Weltkrieg teil. Die militärische Niederlage Deutschlands und
die Revolution von 1918 erlebte er als schmachvollen Niedergang der
alten Ordnung. Er entschloss sich zum Theologiestudium (1919-1923) in
Münster. Nach Abschluss der Studien arbeitete Martin Niemöller für die
Innere Mission. Durch seine Vortragstätigkeit und seine politischen
Reden als Fraktionssprecher der "Evangelischen Vereinigung" im Stadtrat
von Münster war er bereits ein bekannter Mann, als er 1931 eine
Pfarrstelle in Berlin-Dahlem antrat. Obgleich Niemöller seit 1924 bei
Wahlen seine Stimme der NSDAP gegeben und den Regierungsantritt Hitlers
begrüßt hatte, geriet er ab Mai 1933 zunehmend in Widerspruch zum
NS-Regime. Er bekämpfte die "Deutschen Christen" als
nationalsozialistische Kirchenpartei, da er die Unterordnung des
Evangeliums unter eine politische Zielsetzung ablehnte. Seinem
Gründungsaufruf zum "Pfarrernotbund" vom September 1933 folgte ein
Drittel der evangelischen Pfarrer. Diese Vereinigung wurde 1934 zu einer
Keimzelle der
"Bekennenden Kirche", die sich seit 1935 unter der Führung Niemöllers
den Maßnahmen der staatlichen Kirchenpolitik widersetzte.
Im In- und Ausland galt Martin Niemöller bald als Symbolfigur des
kirchlichen Widerstands gegen der Nationalsozialismus.
Auf Befehl Hitlers wurde Niemöller am 1. Juli 1937 verhaftet, vor
Gericht gestellt und am 2. März 1938 zu einer Geldstrafe und
Festungshaft verurteilt. Da Hitler über das milde Urteil verärgert war,
ließ er Martin Niemöller als seinen persönlichen Gefangenen in das
KZ-Sachsenhausen einliefern. 1941 wurde Niemöller als Sonderhäftling in
das KZ Dachau verlegt.
Nach der Befreiung 1945 versuchte Niemöller seine Erfahrungen mit der
NS-Herrschaft in der kirchlichen und politischen Öffentlichkeit des
Nachkriegsdeutschland umzusetzen. Er klagte die Kirchen in Deutschland
der Mitschuld an den politischen Fehlentwicklungen an, kämpfte als
radikaler Pazifist gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands und
kritisierte wiederholt die amerikanische Nachkriegspolitik. Der
streitbare Protestant trat 1964 als hessisch-nassauischer
Kirchenpräsident in den Ruhestand.
Weitere Informationen
| Als die Nazis die
Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein
Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe
ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten, habe ich
geschwiegen; ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr,
der protestieren konnte.
Martin Niemöller |