Weihnachten 1942 im KZ Dachau

HEILIGER ABEND    Wir marschierten schon früh am Nachmittag ein. In unseren Reihen waren viele elende und wankende Gestalten. Es war zu schön, wir konnten es gar nicht glauben, daß wir nun drei volle Tage auf dem Block bleiben durften, ohne etwas zu tun, ohne Max Schnell [den Capo der Strafkompanie].
Wir sahen den großen, brennenden Christbaum auf dem Appellplatz. Viele freuten sich darüber, einen Weihnachtsbaum zu sehen, andere schimpften, weil sie nicht an vergangene Zeiten erinnert sein wollten. Sie ärgerten sich über die Komödie, die man da mit uns und dem Baum aufführte. Aber alle freuten wir uns auf das Weihnachtsessen. Die phantastischsten Gerüchte gingen um, was für herrliche, gute Speisen wir erhalten sollten.
Schon am frühen Nachmittag wurde es dunkel. Auf dem Block begann ein großes Schuheputzen und Kleiderreinigen. Es kam einem fast vor, als würde wirklich zu einem Fest gerüstet.

Der alte Mann aus Mauthausen saß gedrückt hinter dem Ofen. Ich redete ein wenig mit ihm. Mir schien, er hätte am liebsten geweint. "Jetzt zünden sie zu Hause den Christbaum an", sagte er, "und denken an mich und weinen. Und die Geschenke für mich legen sie unter den Baum und sind traurig, daß sie mir gar nichts schicken dürfen, nicht einmal einen Brief. Es wird ein trauriges Fest bei ihnen sein, viel trauriger als für mich hier. Die armen Kinder, die arme Frau." Er sank noch mehr in sich zusammen. Neben uns lachte einer hölzern und sagte: "Es hat keinen Sinn, den Kopf hängen zu lassen. Hoffentlich ist es das letzte Weihnachtsfest im KZ."
Das meinten alle. Aber selbst der Gedanke an ein langes letztes Jahr war kaum zu ertragen.

Dann kam das Abendessen. Es gab Kartoffelsalat und rote Wurst. Das schien im Lager Dachau das traditionelle Weihnachtsessen zu sein. Es schmeckte uns sehr gut, das war einmal wieder etwas anderes. Schade nur, daß es nicht mehr war, man hätte leicht drei Portionen davon vertragen können. Ach, wenn man sich doch wenigstens am Heiligen Abend einmal hätte satt essen können!

Alle saßen herum und kauten, aber die Stimmung wurde dadurch nicht besser. Jeder dachte an vergangene Zeiten und an daheim. Mir ging es ebenso.
Weihnachten . . .
Und ich sah so vieles - so vieles, den brennenden Christbaum, die Kinder meiner Schwester, wie sie spielten und jubelten, meine Schwester und Hilda, und fühlte, wie ihre Gedanken zu mir eilten und den Nebel zu durchdringen versuchten, den grauen, dichten Nebel, der Dachau hieß. Jemand am Tisch sagte: "Ein Glück, daß wir es wenigstens warm haben. Wenn wir nicht dauernd Holz vom Bauplatz hereingeschleppt und organisiert hätten, müßten wir schön frieren. Darin ist der Max Schnell wenigstens großzügig, da drückt er ein Auge zu. Denn verboten ist es ja auch, aber ganz will er es doch nicht mit allen verderben."
Er hatte recht. Die Lagerleitung gab so wenig Kohlen aus, daß jeder Block, jede Stube "organisieren" mußte, sonst hätten wir frieren müssen. Als wir von der Arbeit einmarschiert waren, hatten sie gerade einen in den Bunker abgeführt. Er hatte für Weihnachten einen Sack mit altem Holz auf den Block tragen wollen, war aber von einem SS-Mann gestellt worden, der plötzlich aus einer Blockstraße auftauchte. Nun erhielt der arme Kerl, der für seine Kameraden hatte sorgen wollen, "fünfundzwanzig" und saß Weihnachten im Bunker.

Weihnachten in Dachau. Lieber nicht daran denken, lieber sich den Kartoffelsalat schmecken lassen!

Plötzlich entstand Unruhe. Oskar sprang auf und rief: "Jeder an seinem Platz sitzen bleiben! Es ist Brot gestohlen worden." Oskar ging mit dem Bestohlenen von Spind zu Spind, sah nach, was darin war, prüfte, fragte. Jeder sah plötzlich auf das Stück Brot des anderen.
Endlich fiel der Verdacht auf einen jungen Tschechen. Man wußte, er hatte immer Hunger.
Oskar fragte ihn. Der Junge leugnete. Dann ohrfeigte ihn Oskar. Die Ohrfeigen fielen immer schneller und heftiger. Der Widerstand des jungen Menschen brach. Zuletzt weinte er und flehte. Ja, er hatte das Brot genommen. Er empfand die gegen ihn gerichtete Feindseligkeit der ganzen Stube und die Gefahr, in der er schwebte. Früher hatte man Brotdiebe einfach erschlagen, da das Brot unser Leben bedeutete. Wer Brot stahl, raubte uns das Leben.
"Totschlagen sollte man den Hund!" riefen einige.
"Kameradschaftsdiebstahl ist das gemeinste Verbrechen", grollten andere. Währenddessen verprügelte Oskar den Dieb tüchtig und ließ es dabei an Belehrungen und Schimpfworten nicht fehlen.
"Du Sau, du elende! Du mistige Kreatur, du Brotdieb, du verfluchter. Wart, ich werde dir Brot stehlen. Eine Meldung bekommst du, daß du es weißt, auch wenn es Weihnachten ist! Was scher ich mich drum. Eine Meldung kriegst du, den Kameraden das Brot wegstehlen, diese haben genau so viel Hunger wie du!" Irgendeine Stimme wurde zu Gunsten des Diebes laut:
"Er ist jung, er hat eben Hunger gehabt."
Eine Welle der Empörung schäumte dem kühnen Sprecher entgegen: "Was, einen Brotdieb auch noch in Schutz nehmen? Pfui Teufel! Bist wohl selber einer, daß du für ihn sprichst? Erschlagen sollte man ihn, erschlagen!"
Heiliger Abend in Dachau.
Endlich jagte Oskar den Jungen ins Bett und schloß ihn für diesen Abend von der menschlichen Gesellschaft aus. Er sollte Weihnachten allein feiern, im Bett, im dunklen Schlafsaal.
Der Dieb, ein Bursche von siebzehn oder achtzehn Jahren, bat und flehte, man möchte ihn doch dalassen. Ich fühlte, er war wie ein Kind, das sich davor fürchtete, allein zu sein und sich danach sehnte, Weihnachten mit den anderen zu feiern.
Er bat:"Blockältester, laß mich bei den Kameraden bleiben! Ich will es bestimmt nicht wieder tun, aber laß mich da!" Die meisten empörten sich:
"So eine Frechheit! So ein verdorbener, unverschämter Kerl!" Und er mußte in den Schlafsaal. Langsam ebbte die Erregung ab.
Unbemerkt schlich ich in den Schlafsaal und fand den jungen Menschen weinend. Da versuchte ich ihn zu trösten und war mir dabei bewußt, daß die Mehrheit der "Kameraden" mich dafür am liebsten steinigen würde. Aber ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß man so ein Kind nicht einfach ausstoßen durfte. Ich konnte mir vorstellen, daß er aus Verzweiflung über sich selbst und über die Härte der anderen fähig wäre, sich aufzuhängen. Und ich versprach ihm, mit Oskar zu reden. Nachdem einige Zeit verstrichen war, ging ich unter irgend einem Vorwand zu Oskar an den Tisch und sprach mit ihm. Oskar setzte mir lange auseinander, daß man energisch durchgreifen müsse, daß es keine mildernden Umstände gäbe und man das schon der "Disziplin" und den Kameraden schuldig sei.
"Aber es ist heute Weihnachten, das Fest der Liebe", warf ich ein. "Da darf man erst recht nicht weich werden", meinte er. "Er ist ein so junger Mensch, fast noch ein Kind. Du hast ja gesehen, wie er geweint hat. Wer von uns kann denn noch weinen?" Oskar ging auf dieses Argument nicht ein. Statt dessen erzählte er nur, daß schon einige Tschechen bei ihm gewesen waren, um sich für das zu entschuldigen, was ihr Landsmann getan hatte. Sie sagten, daß sie sich für ihn schämten und ihn sogar selber bestrafen wollten. Gleichzeitig baten sie für ihn. Oskar blieb auch ihnen gegenüber unerbittlich. Er meinte, ich verstünde das noch nicht, ich sei eben noch nicht lange genug im Lager.
Nach einer Weile schlich ich mich wieder in den Schlafsaal und ging zu dem jungen Tschechen. Er hatte mein Kommen erwartet und fragte mich: "Was hat Oskar gesagt? Darf ich wieder hinein?"
Es wurde mir schwer, ihn zu trösten. Wieder weinte er. Ich glaube, er war der einzige Mensch, den ich im KZ wirklich habe weinen sehen.

In der Stube munkelte man, es solle noch "gemütlich" werden, es gäbe allerhand Überraschungen. Das war aber auch nötig, denn von Stimmung konnte bis jetzt keine Rede sein. Es war überhaupt nichts zu verspüren, nur Leere und Stumpfheit. Die Stube erschien mir wie eine Laute und die Insassen wie schlaff und tonlos herabhängende Saiten. Da begannen die Tschechen in ihrer Ecke zu singen. Es war ein Weihnachtslied in ihrer Muttersprache. Das klang beruhigend, daraus ergoß sich etwas wie Frieden in die Gemüter. Wir lauschten alle, und allen tat es wohl.
Noch zwei Lieder sangen sie. Da war es, als strafften sich die schlaffen Seelen-Saiten wieder, als käme ein wenig Klang in die Menschen und eine Resonanz in die Stube. Es war, als ließe es sich jetzt ein wenig freier atmen.
Warum sangen die Deutschen nicht auch ein Weihnachtslied? Kein Deutscher sang.
Warum? Weil es als religiös und bürgerlich im Lager verpönt war. Weihnachten, das Fest der Bourgeoisie, wurde abgelehnt, Weihnachten als Fest der Religion verlacht. Und die schönen, trauten Weihnachtslieder erklangen nicht, weil in ihnen vom Glauben an den Welterlöser die Rede war. Viele unter uns aber sehnten sich nach den lieben, -vertrauten Klängen, die voller Erinnerungen an Kindheit und Heim waren. Die Stimmung sank wieder in sich zusammen, die alte Trostlosigkeit begann.
Man unterhielt sich über Politik. Jemand erzählte, daß man auf den freien Blöcken heute bis elf Uhr auf sein durfte, daß es dort heute sogar gestattet war, auf der Stube zu rauchen, weil Weihnachten war. O, diese Glücklichen, diese Reichen! Wir hatten ja nicht einmal eine Zigarette, wir rochen nur das, was der Blockälteste oder der Stubenälteste uns vorrauchten. Strafkompanie . . .

Gorbach, der stellvertretende Blockschreiber, hatte sich etwas ausgedacht. Plötzlich kam er zur Tür herein, einen Hut auf dem Kopf, der aus buntem Papier zusammengeklebt war. Mit ihm kam ein Kamerad, der von irgendwoher eine Gitarre mitgebracht hatte, denn wir in der Strafkompanie durften keine Instrumente haben.
Gorbach sang ein komisches Lied, von der Gitarre begleitet. Dann hielt er eine Ansprache und sagte, daß wir alle Kameraden seien und das gleiche Los uns hier gefangen halte, wir den Kopf aber trotzdem nicht hängen lassen sollten, sondern lustig sein, und daß er seinen bescheidenen Anteil dazu beitragen wolle.
Danach las er aus einem Buch einige humoristische Szenen im Wiener Dialekt vor. Dann kam wieder Gesang, es war ein Schnaderhüpferl. Schließlich erzählte er Witze und las irgendetwas Lustiges aus Büchern vor, die er in rührender Fürsorge für diesen Abend aus der Bibliothek geholt hatte.
Der bunte Papierhut war das Lustigste an ihm, er fesselte die Leute ebenso sehr wie sein Vortrag. Sie lauschten und vergaßen sich und ihr Elend. Das war eine Leistung.
"Nur keine Sentimentalitäten!" rief Gorbach, "nur nicht weich werden. Wir feiern Weihnachten nach Dachauer Art:
Nur immer lustig Blut und heitren Sinn,
denn futsch ist futsch und hin ist hin!
Nur immer lustig Blut, und heitren Sinn,
denn futsch ist futsch und hin ist hin!"
Es herrschte eine oberflächliche Lustigkeit, keine aus dem Innern, keine, die die Menschen beschwingt und befreit hätte. Der Mund lachte, aber das Herz blieb leer.

Manch einer stahl sich vor der Zeit weg und ging heimlich zu Bett. Der alte Mann aus Mauthausen flüsterte mir zu: "So ein Weihnachten! Das ist ja nicht einmal wie in einer Schenke. Ach, wenn ich an unsere Weihnachtsfeiern daheim denke und an die schönen alten Lieder. Wenn sie nur wenigstens ein Weihnachtslied singen würden! Vorhin, als die Tschechen sangen, wurde es mir so weh und doch so wohl ums Herz, ich dachte schon, jetzt werden auch wir anfangen und unsere altvertrauten Weisen singen, aber das da, das hatte ich nicht erwartet, alles ist so leer, so öd." Neben mir sagte einer zu seinem Nachbarn:
"Ich hau ab und leg mich in die Falle und schlafe, da brauche ich wenigstens an nichts zu denken."
Dann stand er auf, ging an den Spind, schnitt sich noch ein Stück trockenes Brot von der heute schon für morgen gefaßten Ration ab, nickte seinen Kameraden noch einmal zu und verschwand im Schlafsaal. Ich selbst blieb bis zuletzt, erlebte den ganzen Abend bis zum Ende. Er blieb auf dem gleichen Niveau. Viele hatten durch Gorbachs Darbietungen vielleicht ganz vergessen, daß Weihnachten war. Was Gorbach tat, war und blieb eine gute Tat. Nach langer Zeit hörten wir wieder einmal singen statt fluchen, lächelten, statt die Lippen zusammenzukneifen, sahen einen lustigen, bunten Hut statt des Gesichts von Capo Schnell und erlebten im Geiste lustige Episoden statt Grausamkeit, Elend und Tod. Der Verdurstende schlürft gierig das schale Wasser, das er sonst verschmäht hätte. Gesetz der Wüste.
Im Schlafsaal war es dann wie immer. Weihnachten wurde gar nicht erwähnt, höchstens sagte einer:"Gott sei Dank, das wäre auch vorbei, ich habe mich schon lange gefürchtet vor diesem Tag. Na, jetzt noch Neujahr, dann haben wir's geschafft. Solche Feste gehen einem auf die Nerven."

Neben mir lagen zwei, die sich mit gedämpfter Stimme unterhielten: " . . ja, natürlich im Garagenbau. Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie es da zugeht! Die Capos und Hilfscapos schlagen mit dicken Prügeln. Ich kann dir sagen: täglich dreißig bis fünfzig Meldungen, fast immer wegen "Faulheit", du brauchst nur einen Augenblick da zu stehen und zu verschnaufen, schon hast du eine Meldung und eine Stunde ,Baum'. Und die, die neben dir arbeiten, werden auch gleich aufgeschrieben, weil sie dich nicht zur Arbeit angehalten haben.
Der Capo dort hat viel Schuld, weißt du, der kleine Dicke, der Kapp. Mensch, das ist eine Schufterei! Da kann man lernen, was Arbeit heißt. Die Leute fallen aber auch um wie die Fliegen.
Übrigens haben wir von hier, von der Isolierung, mal Juden gehabt. Ich kann dir sagen, mit denen sind sie umgegangen! Die haben's dort auch nicht besser gehabt als hier in der Strafkompanie, die mußten schuften, bis sie umfielen. Und dann haben sie Tritte gekriegt, noch und noch. Einmal ist einer einfach lang hingeschlagen und wollte nicht mehr aufstehen. Der Kommandoführer hat ihn mit dem Stiefel getreten, wo's gerade hintraf. Da hat er sich in die Knie aufgerichtet, ist aber gleich wieder zusammengesunken. Und stell dir vor, was dieses Vieh von einem Menschen verlangt hat!"
Ich hörte, wie er seine Stimme noch mehr dämpfte:
"Angeschrieen hat er mich, und dann mußte ich ihm aus dem Kesselhaus kochend heißes Wasser bringen, einen Eimer voll und . . . stell dir nur vor, ich mußte es über den Juden schütten, kochendes Wasser! Was konnte ich machen? Hätt' ich's nicht getan, dann wäre es Befehlsverweigerung gewesen. Nichts zu machen. Was hättest du gemacht?" Der andere flüsterte zurück. An dem scharfen Atem hörte ich die Empörung in seinen Worten:
"Ich hätte es nicht getan. Mich kann keiner zwingen, meinen eigenen Kameraden zu verbrühen, lieber lasse ich mich selber umbringen." "Das sagst du so. Ich weiß nicht, ob du nicht auch lieber über einen Halbtoten kochendes Wasser schüttest, als daß du selber verbrüht wirst. Der spürte ja doch fast nichts mehr."
"Ach was, verrecken müssen wir ja doch alle, so oder so, früher oder später. Warum soll ich da auch noch der Handlanger meiner eigenen Henkersknechte sein? Nein, lieber sollen sie mich erschießen."
"Du, man lebt nur einmal!"
"Ja, aber dann sollte man richtig leben und nicht verkehrt."
"Hör nur weiter zu. Dann hat er mich wieder fortgeschickt, der SS-Mann. Ich mußte eiskaltes Wasser holen und auch über den Juden schütten, aber tot war der noch nicht gleich, der ist erst zwei Stunden später gestorben.
Jeden Tag ist dort mindestens ein Jude draufgegangen.
Du, und stell dir vor! Einmal hat der Capo dem Kommandoführer beim Einrücken die gleiche Zahl gemeldet, die wir beim Ausrücken hatten.
Sonst fehlten nämlich immer welche, und der Capo meldete dann: ,Zwei Abgänge durch Tod!' - oder wieviele es eben waren. Und an dem Tag waren wir vollzählig beieinander. Da hättest du sehen sollen, wie der Kommandoführer getobt hat: ,Was? Alle Mann, wie am Morgen? Ist denn keiner von den Hunden verreckt?' Und der Capo kleinlaut: ,Nein, Herr Kommandoführer.' ,Wieviele Juden habt ihr denn?' ,Zwölf, Herr Kommandoführer.' ,Was - zwölf? Und zwölf sind auch ausgerückt heute morgen?' Und der Capo: Jawohl, Herr Kommandoführer.' Da hat der Kommandoführer gesagt: ,Wenn Sie ein Capo wären, würden jetzt nur zehn Juden einrücken, verstehen Sie mich? Und wenn das nicht anders wird, sind Sie die längste Zeit Capo gewesen!' Mensch, und geschrien hat der, ich kann dir sagen!
Der Garagenbau, das war so was, das Kommando hat's in sich gehabt.
Der Kapp, der Capo, den soll der Teufel holen, mitsamt seinem Kommandoführer. Und heut soll's noch immer ähnlich da draußen zugehen, nur nicht mehr ganz so schlimm."
Der andere drehte sich auf die Seite:
"Gute Nacht! Ich will jetzt schlafen."
"Gute Nacht! Na, morgen früh, glaube ich, ist das Wecken eine Stunde später, auch für uns."

Kurz darauf begannen beide zu schnarchen. In Dachau störten selbst die grausigsten Moritaten nicht den tiefen Häftlingsschlaf. Von jeder Seite hörte man etwas anderes Gräßliches, hörte es als etwas ganz Natürliches, Alltägliches, mit dem man sich abfinden mußte, das eben so war, wie es
war. Niemand wunderte sich mehr darüber, ausgenommen ein paar Neuzugänge. Dort geschah etwas, hier geschah etwas, überall. Ach, es wurde einem so alltäglich, so selbstverständlich, so nicht wegdenkbar, daß man noch kaum zuhörte. Hätte man von einer selbstlosen Tat erzählt, ja, das wäre etwas anderes gewesen, da hätten alle gelacht und es nicht geglaubt, auch wenn es hundertfach verbürgt gewesen wäre. Über unsere Seele wuchs langsam eine Nilpferdhaut. Diese Nilpferdhaut über meiner Seele war noch sehr dünn. Ich wurde nicht einmal mit dem Erlebnis dieses ersten Dachauer Weihnachtsfestes fertig.
Schließlich schlief auch ich ein. Vielleicht begann ich langsam ein wirklicher Häftling zu werden. Ich schien es doch zu lernen, keine Gefühle mehr zu haben.
Die Nilpferdhaut wuchs.

Edgar Kupfer-Koberwitz, Die Mächtigen und die Hilflosen. Als Häftling in Dachau, Band 1, 2.Auflage, Stuttgart 1957, S. 232 ff.