Weihnachten 1944 im Dachauer KZ-Außenlager Utting

Der 16jährige Solly Ganor aus Kaunas /Litauen war zusammen mit seinem Vater wegen seiner jüdischen Herkunft im Lager X (Utting am Ammersee) inhaftiert. Er berichtet:

»Der 25. Dezember war der Geburtstag meines Vaters. Für die Deutschen war es der Weihnachtstag. Wir durften im Lager bleiben und brauchten nicht zu arbeiten. Die ganze Nacht über hatte es geschneit, und am Morgen ruhten Lager und Wälder unter einem wunderschönen weißen Pelz.

Zur Feier des Tages erhielten wir eine Extraration Kohlen und Holz. Im Innern unserer unterirdischen Baracken war es mollig warm. Und dann gab cs noch eine Überraschung: Jeder von uns bekam ein Rot- Kreuz-Paket! Darin waren ein ganzes Kilo Würfelzucker, süße Kon- densmilch, Hartwurst und eine Packung Zigaretten. Ein Schatz! Für die meisten bedeutete das, ein oder zwei Wochen länger überleben zu können.

Ein weiteres Geschenk war schier unglaublich. Wir alle bekamen Wintermäntel ! Sie waren alt und abgetragen, mit einem weißen Kreuz auf dem Rücken, aber doch Mäntel, die uns endlich warm halten wür- den. »Ich wünschte, es wäre jeden Tag Weihnachten«, sagte jemand. Vater lachte und sagte, daß dieses Christfest ein verfluchter Tag sei. Seitdem hätten die Juden keine Minute lang mehr Frieden gehabt. Christfest oder nicht, es war Vaters Geburtstag, und ich beschloß, ihn mit einer kleinen Feier zu überraschen. Ich trommelte einige unserer besten Freunde zusammen. Schmuei, Vaters größter Verehrer, steu- erte sogar etwas zu essen bei. Er mußte wohl geplaudert haben, denn binnen kurzem kamen um die zwanzig Männer zusammen, die Vater gratulieren wollten. Wir versammelten uns in der Baracke, während Vater beim Waschen war, und als er zurückkam, erhoben wir unsere Töpfe mit süßer Milch und sangen »Hoch soll er leben«. Vater blieb am Eingang stehen, mit offenem Mund. Wer erinnerte sich hier schon an Geburtstage? Er war so gerührt, daß er in Tränen ausbrach, und bald weinten auch alle seine Gäste - nicht gerade ein angemessener Ausdruck für ein Geburtstagsfest.

Später wagten sich ein paar meiner Freunde und ich nach draußen und fingen an, mit Schneebällen zu werfen. Es war Ewigkeiten her, daß wir unsere letzte Schneeballschlacht geschlagen hatten, irgendwann früher, in einem anderen Leben, als wir Kinder waren. Jetzt waren wir alt, waren Greise im Alter von sechzehn Jahren.

Am Nachmittag legten die meisten sich in ihre Kojen. Ich hatte vielleicht eine Stunde geschlafen, als mich lautes Gebrüll weckte. Mein Vater schrie im Schlaf. Plötzlich saß er aufrecht im Bett und sagte: »Deine Mutter ist gerade gestorben. «

Dann fing er an zu schluchzen. Sein Gesicht war aschfahl. Immer wieder stammelte er »Rebecca«. Ich versuchte ihn zu beruhigen. »Das war bloß ein Alptraum«, erklärte ich. Er schüttelte den Kopf.

»Du verstehst mich nicht. Ich war da und stand vor ihrer Koje. Ich sah, wie Fanny ihr kalte Umschläge auf die Stirn legte. Dann hörte ich Fanny läut aufschreien, und ich wußte, daß sie tot war. Meine kleine Frau, meine süße Rebecca... ist nicht mehr.«

An seinen Augen erkannte ich, daß er glaubte, was er da sagte. Er tat mir unendlich leid. Eigentlich gab ich nichts auf solch übernatürliche Erscheinungen, aber mir war trotzdem ein wenig unbehaglich zumute.

»Wir sollten das Kaddisch sprechen, Sohn«, verlangte Vater. Er be gann, das alte Totengebet zu sprechen. »Jitgadal vjitkadasch... Schmei Rabo... «

»Hör auf!« rief ich, ganz außer mir. »Hör sofort auf, Vater! Du kannst sie doch nicht begraben, bevor sie gestorben ist! Es war bloß ein Traum, um Himmels willen!«

Weinend packte ich ihn an den Schultern und schüttelte ihn, doch er achtete gar nicht auf mich und fuhr fort in seinem Gesang. Ich konnte das nicht länger ertragen und rannte nach draußen.

Es war völlig still vor den Baracken. Nur wenige Häftlinge standen herum. Aus der Ferne hörte ich die betrunkenen Stimmen der Wachen. Sie sangen Weihnachtslieder. Ich blickte auf zum sternübersäten Himmel, und wieder einmal betete ich zu einem grausamen, gnadenlosen Gott. Laß mich nur mit einem einzigen Wunsch vor dich treten, betete ich, und ich werde dich nie mehr belästigen. Bitte, laß Vaters Traum nur einen Traum gewesen sein.

Am nächsten Morgen wurden wir früher als sonst geweckt, als sollte der gestrige Tag wieder ausgeglichen werden. Im Finstern mußten wir uns zum Appell aufstellen. Der Wachtmeister, der uns zählte, hatte einen Kater und ließ uns mehr als eine Stunde in der bitteren Kälte stehen, bis er die Nummern auf die Reihe bekam. Selbst die Wintermäntel halfen nicht viel. Wir schwangen die Arme vor und zurück, um warm zu bleiben. Das erboste den Wachtmann um so mehr. Er glaubte, wir wollten ihm nur das Leben schwermachen, und trat und schlug nach uns. Als einige der Neuankömmlinge zusammenbrachen, befahl er uns, sic im Schnee liegen zu lassen. Endlich kam ihm ein anderer Wachtmann zu Hilfe, und sie schafften die Zählung. Ich schielte zu Vater hinüber. Er war ganz in sich versunken und antwortete mir kaum, wenn ich ihn ansprach. Schließlich drehte er sich um und sah mich lange an. Sein Blick war klar und ruhig.

»Mach dir keine Sorgen um mich, Sohn«, sagte er leise, »niemand auf der Welt kann mir die wunderbaren Jahre nehmen, die ich mit deiner Mutter verbracht habe.«

Meine Mutter starb an Typhus in Stutthof am 25. Dezember 1944. Meine Schwester Fanny, die den Krieg überlebt hat, war bei ihr und hatte ihr kalte Umschläge auf die Stirn gelegt, während sie starb.

Ich hasse Dinge, die ich nicht erklären kann.«


Solly Ganor,  Das andere Leben. Kindheit im Holocaust, Frankfurt/Main 1997, S. 196-198

Solly Ganor ist dreizehn Jahre alt, als die deutschen Truppen im Sommer 1941 in seine Heimatstadt Kaunas/Litauen einfallen. Von einem Tag auf den anderen ist die Kindheit des jüdischen Jungen zu Ende. Er wird mit seiner Familie ins Ghetto getrieben und muß zusehen, wie Freunde und Verwandte bei zahlreichen sogenannten Aktionen der neuen Machthaber zur Vernichtung selektiert oder auf der Stelle ermordet werden. Der Junge lernt zu überleben und ist doch schon hundertmal gestorben, ehe er nach der Auflösung des Ghettos im Sommer 1944 zunächst ins Lager Stutthof (bei Danzig) und von dort in ein Außenlager des KZ Dachau deportiert wird. Inmitten einer bayerischen Bilderbuchlandschaft, im Lager X (Utting am Ammersee), erfährt Solly am eigenen Leibe, was Nationalsozialisten unter »Vernichtung durch Arbeit« verstehen. Vor den anrückenden Alliierten wird er mit den wenigen noch lebenden Häftlingen auf einem der berüchtigten Todesmärsche in Richtung Alpen getrieben und unterwegs von amerikanischen Soldaten befreit. Es ist die Geschichte eines gejagten Jungen, der fünfzig Jahre lang im Überlebenden Solly Ganor geschwiegen hat und der sich jetzt mit aller Kraft zu Wort meldet: die Stimme aus einem anderen Leben.